Amir D. Aczel: Die Natur der Unendlichkeit
Mathematik, Kabbala und das Geheimnis des Aleph
Manche glauben heutzutage immer noch, daß Bücher erscheinen, weil Autoren sie gerne schreiben wollen. Die Tatsache, daß ein Buch eben ein Produkt ist und für einen speziellen Markt gezielt konzipiert und hergestellt wird, erscheint absurd, ist aber mehr und mehr der Fall. So ein Kochrezept hat wohl auch beim vorliegenden Titel ursprünglich Pate gestanden: Man nehme einen wortgewandten Experten aus einem bestimmten Wissensbereich (in diesem Fall ein Professor für Mathematik und Statistik), läßt ihn über ein faszinierendes Thema, das die Mehrzahl der Leser vermutlich nicht versteht, aber gern verstehen würde, schreiben (z.B. gewisse Teilgebiete der höheren Mathematik wie die Zahlentheorie), würzt das Ganze mit einem gehörigen Schuß Rätsel und wissenschaftlicher Abenteuerlust (die Unendlichkeit und merkwürdige Paradoxa), tut noch ein wenig Mystizismus dazu (hier die Kabbala und jüdische Mystik) und fertig ist ein Bestseller! Ein solches Rezept bringt es mit sich, daß das fertige Buch nicht unbedingt umfangreich werden (überschaubare Kapitel) und auch nicht zu sehr in die Tiefe gehen darf, weil sonst die Gefahr besteht, daß das kaufende Klientel nach den ersten Dutzend Seiten intellektuell überfordert und enttäuscht aufgibt. Infolgedessen mutet der Autor an doch nicht wenigen Stellen dem um Verständnis ringenden Leser mathematische Fachbegriffe zu, die er nirgendwo erklärt, während er woanders sehr schön Schritt für Schritt schwierige Themen nachvollziehbar aufbaut. Ein Blick ins Internet bestätigt diese Sichtweise, gibt es doch mittlerweile Mathematiklehrer, die sich dazu berufen fühlen, einzelne Passagen des Buches noch einmal langsamer, umfangreicher und für den Leser einfacher zu erklären.
Ich will damit nicht sagen, daß Aczels Buch nicht verständlich wäre, ganz im Gegenteil. Wer bereit ist, sich in die logische Kunst der Mathematik hineinzudenken und den Mißmut zu vergessen, den etliche Jahre Schulunterricht in dieser Hinsicht angehäuft haben, stößt auf wirklich wunderbare, unglaubliche und fruchtbare Schätze. Die Freude am Denken nicht verlernt zu haben, kann eine sehr angenehme Erfahrung sein.
Das Thema des Buches kreist um die Unendlichkeit und ihre mathematische, philosophische und metaphyische Faßbarkeit und um einen Mann, der wie kein anderer um diese Faßbarkeit gerungen hat, selbst um den Preis der eigenen geistigen Gesundheit: Georg Cantor (1845 - 1918), seiner Zeit Mathematikprofessor in Halle. Wenn man einmal von den oben geschilderten Schwächen des Konzepts absieht, die wohl mehr dem Verlag als dem Autor anzulasten sind, ist Amir Aczel eine sehr spannende Mischung aus Geistesgeschichte, mathematischer Wissenschaft, philosophischer Fragestellung und anekdotenreicher Schilderung der involvierten genialen Denker gelungen. Ich habe mich dem Buch mehr aus der Sichtweise des Kabbalisten genähert und muß sagen, daß es in der Tat sehr merkwürdige und überraschende Verbindungen und Verquickungen zur modernen Mathematik gibt, ähnlich wie man ja auch der Quantenmechanik in der Physik nachsagt, altes esoterisches Wissen zu bestätigen. Natürlich kommt man nicht um die Beschäftigung mit stetigen und diskontinuierlichen Funktionen, mit reellen, transzendenten und natürlichen Zahlen, mit Konvergenz, Grenzwerten und was dergleichen Vokabular noch ist, herum. Aber der eigentliche Hintergrund ist das seit Jahrtausenden währende Ringen des Menschen, den Standort seines Geistes inmitten unendlicher und chaotisch anmutender Kategorien der Schöpfung zu verstehen und das Ziel ist damit im Grunde genommen reine Bewußtseinserweiterung. „Die Natur der Unendlichkeit“ lädt zum Weiterdenken und Philosophieren ein und das macht das Buch sehr spannend, sowohl für klassische Leser von Science Faction, als auch für Metaphysiker, Magier und Kabbalisten.
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