John Pilger: Verdeckte Ziele

Über den modernen Imperialismus

John Pilger Verdeckte ZieleIch habe an dieser Stelle hin und wieder auch politische Bücher vorgestellt, vielleicht weil ich einfach der Meinung bin, daß es für geistig freie Menschen sehr wichtig ist, sich nicht von den schönen und durchweg falschen Fassaden der Informations- industrie abspeisen und blenden zu lassen.
John Pilger war lange Jahrzehnte ein Teil dieser Industrie und man kann fast in jeder Zeile des Buches wahrnehmen, wie ihn seine journalistischen Erfahrungen (z.B. als Berichterstatter im Vietnam-Krieg) neu prägten, desillusionierten und verändert zurückließen. Von 1970 an bis zum heutigen Tag ist der Autor für seine mutige Suche nach Wahrheiten, die man in den täglichen Medien ignoriert, mit vielen journalistischen Auszeichnungen geehrt worden. Trotzdem existiert in Deutschland keine einzige Tageszeitung, die seine Berichte und Kolumnen drucken würde. Warum das so ist, begründet Pilger selbst, denn er beschreibt den modernen Tagesjournalismus als gehorsame Maschinerie, die nicht müde wird, unwichtige und sensationslüstern aufgebauschte Nachrichten zu wiederholen, während die wirklich wichtigen Informationen und Hintergründe verschwiegen werden. Am Beispiel der Entstehung des Rupert-Murdoch-Medienimperiums wird dies ausführlich dargelegt. Dieser kritische Blick eines Journalisten auf das “Medienzeitalter”, das Pilger als “kulturelles Tschernobyl” bezeichnet, ist die große Stärke des Buches und hebt es von anderen zeitkritischen Titeln ab. Die Fakten, die Pilger vorbringt, sind überwältigend, schockierend und oft aus der direkten Erfahrung geschildert. Aus diesen Fakten heraus stellen sich dem aufmerksamen Leser Fragen über Fragen, über die man sich dann selbst Gedanken machen muß. Z.B. warum eine jüdische Spendenorganisation wie United Jewish Appeal einen Mann wie Murdoch, dessen Schmierenblätter und Privatsender den primitivsten Sex/Crime/Money- Schund verbreiten, zum “Wohltäter des Jahres” deklariert. Wessen Wohl ist hier gemeint?
Pilger bezieht sich häufig auf George Orwell und so ist es logisch, daß er den Verschleiß der öffentlichen Sprache anprangert. An politischen Äußerungen, z.B. Reden Tony Blairs (Pilger ist Brite), führt der Autor die unglaubliche Heuchelei und die Lügen vor, die heute in Politik und Medien herrschen und die mit Schlagworten wie “Reformen”, “moralische Werte”, “Umdenken”, “Neubeginn”, “Freiheit”, “Sicherheit”, “Völkergemeinschaft” unter die blinden Konsumenten gejubelt werden. “Journalisten und Rundfunkleute verinnerlichen die Regeln und Trends der etablierten Macht nicht weniger bereitwillig als Historiker und Lehrer. Wie andere wichtige Funktionsträger des Staatsgefüges haben sie gelernt, ernsthafte Zweifel gar nicht erst aufkommen zu lassen.” (S.134) Diese stillschweigende Bereitwilligkeit führt zu absurden und absichtlichen Lügen in der Berichterstattung. Als z.B. 1996 in Indonesien die größten Massendemonstrationen gegen das Suharto-Regime (von den USA gestützt) stattfanden, sprachen westliche Medien unisono lediglich von „Randalen“ oder von “Jugendlichen, mit denen die Hormone durchgehen”. Über grauenhafte Völkermorde wie in Osttimor, Sudan oder Kongo hört man nichts oder nur oberflächlichen Mist ohne jegliche Hintergründe, während überall da, wo man gern “humanitär intervenieren” möchte, die Lage dramatisch aufgebauscht wird (z.B. im Kosovo). Dabei ist es interessant von einem Insider der Branche zu erfahren, daß die wenigsten Journalisten noch vor Ort selbst recherchieren. Die meisten geben lediglich vorgefertigte Nachrichten von Agenturen weiter, von denen es weltweit kaum noch mehr als drei von Bedeutung gibt! Es wäre wichtig gewesen, an dieser Stelle einmal weiter zu fragen, wer diese Informationslieferanten eigentlich kontrolliert, finanziert oder wer als Eigentümer hinter den Agenturen steht.
Neben dem Medienthema liefert Pilger in weiteren Kapiteln viele augenöffnende Informationen über Mittel- und Südamerika, den Nahen Osten und Asien, insbesondere Vietnam. Während man offiziell nur vom “chinesischen Markt” spricht oder den “aufstrebenden Tigerstaaten” die Rede ist, bleibt ungesagt, unter welchen katastrophalen Bedingungen die Länder Indochinas ausgepowert, abgezockt, ausgeplündert und zu Vorhofstaaten der US-amerikanischen Konzerne umfunktioniert werden. Wer z.B. liest, daß die Vorzeigemarke Nike in Vietnam Schuhe von 35000 vorwiegend weiblichen Angestellten unter Zwangsarbeitslager-Bedingungen für einen Tageslohn von 1,60 Dollar herstellen läßt, wird in Zukunft den glänzenden westlichen Luxus mit ganz anderen Augen betrachten. Wie Chossudovsky vor ihm, kommt auch Pilger zum Schluß, daß Vietnam im Jahre 2005 seinen aufopferungsvollen Krieg zur Verteidigung seiner Freiheit, dem einst viele Millionen Menschen zum Opfer fielen, endgültig verloren hat. Das wird vollends deutlich, wenn in internationalen Beziehungen schon gar nicht mehr von eigenständigen Ländern, sondern von diversen “Exporthandelszonen” die Rede ist. Überhaupt sind Territorien jederzeit verfügbar, egal wer wie lange dort schon gelebt hat. Ein erschreckendes Beispiel ist die Insel Diego Garcia im Indischen Ozean, deren Einwohner 1965 völkerrechtswidrig deportiert wurden, um die Insel in eine Auftankbasis für US-Langstreckenbomber zu verwandeln. Heute wird diese Insel – wenn überhaupt – in den Medien als “unbewohnt” bezeichnet, aber jeder Journalist kennt die Wahrheit – und verschweigt sie. Diese Beispiele müssen für einen Überblick reichen; es ist unmöglich die Vielfalt und Brisanz dieses Buches auch nur annähernd wiederzugeben. Abschließend sollte vielleicht noch gesagt werden, daß es fast schon en vogue geworden ist, sich über die neoliberale Welteroberungspolitik der USA oder Großbritannien zu ereifern (als Ablenkung von den Verhältnissen in diesem Land). Die “Verdeckten Ziele” zeigen jedoch sehr deutlich, daß wir es überall mit den gleichen Mechanismen zu tun haben. Wer die Nachrichten und Veränderungen in Deutschland aufmerksam verfolgt, weiß was gemeint ist.

“Verdeckte Ziele” ist nur bei Zweitausendeins erhältlich.

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