Das Leben der Anderen
Der deutsche Kinofilm “Das Leben der Anderen” (des adligen Regisseurs und Drehbuchautors Florian Henckel von Donnersmarck, mit vielen Preisen ausgezeichnet und einer Oscar- Nominierung versehen) ist wieder einmal neudeutsche Gelegenheit, den unbarmherzigen Blick auf die ach so schreckliche Vergangenheit der Ostdeutschen im “kommunistischen Schreckensregime” der DDR zu kultivieren. Dies ist für die Macher, Lenker und Manipulierer in diesem geplagten Land mehr als vorteilhaft, denn erstens kann man darauf aufbauend den Ossis wieder mal demonstrieren, wie gut es ihnen doch heute in der “freien Marktwirtschaft” geht, zweitens kann man bequem vergessen, daß die sogenannte “Wende” nur ein geplantes Einverleibungsstück des etwas in die Jahre gekommenen Kapitalismus war (und keine Volksrevolution) und drittens lenkt der anklagende Fingerzeig auf die Verbrecher der Vergangenheit herrlich von den Taten der gegenwärtigen Politkriminellen ab.
Denn - und dieses Thema ist aktueller denn je - das Leben der Anderen ist auch für die gegenwärtig herrschende Klasse so interessant, daß eine ganze Reihe von Vorhaben geplant oder in der Umsetzung sind. Gegen die Vehemenz und die Big-Brother-Manie dieser Vorhaben erscheinen die einstigen Spitzelmethoden der STASI wie ein lächerlich anachronistischer Dilettantismus.
Telefonüberwachung durch die amerikanische NSA, geplantes Gesetzesvorhaben der “Vorratsdatenspeicherung”, automatische Gesichtserkennung per Videokontrolle (Modellversuch ist in Mainz im Januar 2007 gerade ausgelaufen), Ausweitung der Videoüberwachung, Erfassung biometrischer Daten für neue elektronisch auswertbare Ausweise, implantierbare Chips, e-Card im Gesundheitswesen, Wegfall des Bankgeheimnisses, TCPA im Computer, RFID-Überwachungschips an und in jeder beliebigen Ware - all das sind Beispiele wie sehr UNSER LEBEN andere interessiert.
Aber natürlich rennt die Nation in die Kinos - die Ostdeutschen um sich selbst zu bedauern und die Westdeutschen in gewohnter Selbstgerechtigkeit - erzürnt sich darüber, wie schlimm doch “damals” alles war, tauscht eigene Heldentaten im “Widerstand” gegen das DDR-Regime aus (denn alle waren selbstverständlich Opfer) und merkt dabei nicht, daß die NEUE STASI das eigene Privatleben nach und nach viel effizienter und totalitärer durchdringt als es die verklemmten Kommunisten der Honecker-Ära je hätten zustande bringen können.
Man kann sich nun fragen, welchen Zweck die ständig zunehmende Überwachung und Bespitzelung der Bevölkerung verfolgt. Die STASI hatte darauf immer eine Antwort parat - der Sozialismus mußte vor imperialistischen Anschlägen und den durchtriebenen Unterwanderungsversuchen des weltanschaulichen Feindes geschützt werden. Punkt. Wenn man die beliebig austauschbare Rhetorik mal außer acht läßt, ähnelt das verflucht den Rechtfertigungsversuchen der aktuellen Daten-Mafia. Nun sind es die Terroristen und Islamisten, die Feinde der Demokratie und der Freiheit, denen das Handwerk gelegt werden soll. Der Unterschied besteht lediglich darin, daß man es sich aufgrund der rasant fortgeschrittenen technischen Entwicklung leisten kann, alle - d.h. jeden noch so unbescholtenen Bürger - in die Überwachung einzubeziehen. Wirklich Kriminelle bedienen sich des technischen Fortschritts natürlich auch, verschlüsseln ihre Kommunikation usw. Es ist daher mehr als unwahrscheinlich, daß die neuen, segensreichen Maßnahmen zu mehr Sicherheit führen. Doch die erfaßten Daten sind dann vorhanden, über jeden, dich und mich und deinen Nachbarn. Sie auszuwerten, ist der nächste Schritt. Mit welchem Ziel? Kann man wirklich glauben, daß Milliarden in eine Technologie investiert werden, um uns alle - vor was auch immer - zu schützen? Wieviel dieser besorgten Zuwendung des Staates war in der Vergangenheit denn glaubwürdig und wird es in Zukunft sein? Unser aller Wohl ist die letzte Sorge dieser Leute - genauso wie es die letzte Sorge der STASI war …
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