Stanislaw Lem: Die Stimme des Herrn
Als ich mir neulich mal die Neuverfilmung von Stanislaw Lems Roman “Solaris” mit George Clooney in der Hauptrolle angesehen hatte, fiel mir mein verstaubter Stapel Lem-Bücher aus guten, alten Ost-Zeiten wieder ein. Enthusiastisch angehaucht, wie ich in dieser Situation war, las ich also “Solaris” ein weiteres Mal und war doch (wieder?) erstaunt, mit welch philosophischem Tiefgang diese ungewöhnliche Geschichte daherkommt und wie interessant sie zu lesen ist. In “Solaris” geht es um den schwierigen und letztendlich wahnsinnserzeugenden Kontakt einiger Menschen zu einem außerirdischen, lebendigen und zudem noch quasi-intelligenten Ozean und so ist es vielleicht kein Wunder, daß ich mir daraufhin als nächsten Lem-Titel “Die Stimme des Herrn” griff, der ebenso den Kontakt zum Thema hat und dieses auf eine Weise abhandelt, die wohl in der (zumindest mir bekannten) Sci-Fi-Literatur ihresgleichen sucht. Die Geschichte oder besser gesagt Rahmenhandlung ist nicht spektakulär und schnell erzählt: Durch Zufall wird in einem schmalen Frequenzband der kosmischen Neutrinostrahlung ein aufmoduliertes Signal entdeckt, dessen informelle Struktur und endlos-zyklische Wiederholung auf eine künstliche Quelle schließen läßt. Bestätigt sich diese Vermutung, so ist nicht nur der erste Kontakt zu einer außerirdischen Intelligenz gelungen, sondern es stellt sich die Frage, was will uns der Absender mit seinem “Brief”, seiner “Botschaft”, seiner “Übertragung” eigentlich übermitteln? Schnell wird ein amerikanisches Projekt von erstrangigen Wissenschaftlern zusammengerufen, das den Namen “Master’s Voice” erhält und sich streng abgeschirmt in einer ehemaligen Atomtestbasis der Untersuchung des Signals widmet. Da sich diese Untersuchungen offenbar schnell verzetteln, wird kurz darauf der geniale Mathematiker Hogarth hinzugerufen, der seine Gedanken, Experimente, Berechnungen und Spekulationen in der Ich-Form dem Leser unterbreitet und zwar so, wie ein herausragender, etwas exzentrischer und darüber hinaus eingebildeter Wissenschaftler das tun würde - rational, nicht immer einfach zu lesen und zu verstehen, anregend, intellektuell und mit einer gehörigen Allgemeinbildung in Mathematik, Atomphysik, Astronomie, Kosmogonie, Sprachtheorie usw. Doch was allen Beteiligten klar ist, jedoch am Anfang keiner so recht wahrhaben will: die Regierung, der Geheimdienst und das Militär haben längst ein begehrliches Auge auf das Projekt geworfen und erhoffen sich nichts weniger als die Superwaffe aus dem All, mit der sich der böse kommunistische Feind im Osten endgültig besiegen läßt. Und tatsächlich sieht es wenig später so aus, als kämen diese Hoffnungen nicht von ungefähr …
Lems Roman kommt völlig ohne die meist platte Effekthascherei der modernen Sci-Fi-Klamotten aus. Man trifft in ihm keine Aliens an, die durch Blechbüchsen auf ihrer allzu menschenähnlichen Brust in unserer eigenen Sprache zu uns sprechen, ebenso keine Sternenschiffe oder Supercomputer. Die Geschichte ist mit den bescheidenen Requisiten der Endsechziger ausgestattet und man kann sich ohne weiteres vorstellen, daß sie sich tatsächlich so zuträgt oder jederzeit zutragen kann. Lem beweist jedoch auf jeder einzelnen Seite eine überragende Intelligenz, mit der er sein Thema bis in den letzten Winkel hinein beleuchtet und hinterfragt. Die gestellten Fragen sind Grundsatzfragen, an denen - hier verrate ich nicht zuviel, weil dies bereits am Anfang des Romans spürbar ist - die Wissenschaftler schließlich scheitern. Obwohl jedes einzelne Bit des Signals ausgewertet und unter den verschiedensten Blickwinkeln seziert, in Theorien und Hypothesen eingefügt, hin und her gewendet und immer wieder von neuem diskutiert wird, sind die fähigsten Denker der Menschheit hinterher genauso schlau wie vorher. Die erwähnten Grundsatzfragen, die eigentlich dahinter stehende Philosophie und ihre unlösbaren Widersprüche, Paradoxa und Probleme überfordern das Projekt völlig, nicht etwa fehlende technische Möglichkeiten, Irrtümer oder politische Intrigen. Es sind die Rätsel des Denkens und die erstaunlichen Schwierigkeiten der Kommunikation, die die Faszination ausmachen. Mit welchen Informationen können wir überhaupt rechnen, wie muß eine Zivilisation beschaffen sein, die auf diese Weise auf sich aufmerksam macht, woher stammt das Signal und könnte es nicht doch natürlichen Ursprungs sein? Können wir ein Teilergebnis erzielen und wenn ja, muß dieses Teilergebnis nicht zwangsläufig falsch sein oder in die Irre führen?
Ähnlich wie in “Solaris” zeigt Lem auf sehr kluge Weise, daß die kosmischen Rätsel und unbekannten Variablen vor allem eines tun: sie bilden den Spiegel, in dem wir auf unmißverständliche Weise unsere eigene, mehr oder weniger verzerrte Psyche erblicken; sie bilden den harten Brocken, an dem wir uns schmerzhaft stoßen; sie sind der unerreichbare Horizont für eine Zivilisation, die noch nicht bereit für eine friedliche galaktische Familie ist und die immer nur eines finden kann, sich selbst in ihrer allzu realen Begrenztheit und Durchschnittlichkeit. Und nachdem am Ende des Romans sogar ganze Universen und Kosmologien um das Signal herumgestrickt werden, nur um es doch noch zu erklären, muß man nüchtern konstatieren: “Die Stimme des Herrn” hat zu uns gesprochen, aber wir haben nicht verstanden … und an diesem unbefriedigenden Zustand wird sich wohl so bald auch nichts ändern …
“Die Leine, an der wir im Kreise herumrannten, sei zwar verlängert worden, aber an unserer Situation des Angekettetseins habe sich nichts geändert. Wir seien Zeugen eines recht beachtlichen intellektuellen Feuerwerks gewesen, aber als es heruntergebrannt war, seien wir mit leeren Händen zurückgeblieben.” Diese recht bittere Einschätzung eines Projekt-Teilnehmers mag seine Richtigkeit haben, für das intellektuelle Feuerwerk des Romans selbst trifft sie gewiß nicht zu. Wer Spaß am Denken hat, wird “Die Stimme des Herrn” mit großer Bereicherung lesen.
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