Dixie Chicks: Shut Up And Sing

Shut Up And SingÜber Musikgeschmack kann man wie jeder weiß trefflich streiten und so soll es in dieser Rezension keineswegs darum gehen, ein Plädoyer für oder gegen amerikanischen Country zu halten und davon abgesehen hatte ich selbst vor gut einem Jahr noch nie etwas von einer Frauenband gehört, die sich ihren Namen nach einem Fastfood-Gericht aussuchte: “The Dixie Chicks”. Dixie bezeichnet bekanntlich die amerikanischen Südstaaten und Country ist dort schlichtweg eine nicht wegzudenkende Institution, gegen die im Vergleich deutsche Volksmusik ein schattenhaftes Nischendasein fristet.
Barbara Kopple, zweifache Oscarpreisträgerin und große Legende des amerikanischen Dokumentarfilms begleitet in “Shut Up And Sing” (auf deutsch ungefähr “Halt’s Maul und sing”) die drei Musikerinnen der “Dixie Chicks” zwischen 2003 und 2006 und mittlerweile dürfte sich herumgesprochen haben, warum. Die Chicks, in der Tat bis dahin eher unbedarfte Hühner ausgerechnet auch noch aus Texas, waren gewaltig ins Fettnäpfchen getreten. Auweia …
Doch holen wir ein wenig weiter aus. Bis zum denkwürdigen 10. März 2003 legen Natalie Maines, Emily Robison und Martie Maguire eine Bilderbuchkarriere im dollarschweren Countrymusik-Geschäft hin. Einmal entdeckt unterschreiben die drei auffallend talentierten Mädels 1997 bei Monument/Sony Music einen Vertrag und legen in der Folge richtig los: Ihr Debütalbum “Wide Open Spaces” im darauffolgenden Jahr verkauft sich mehr als 11 Millionen mal; Diamant (also mehr als 10 Millionen verkaufte “Einheiten” pro Album - ein Erfolg, den in der Musikgeschichte überhaupt nur ein paar auserlesene Musiker je geschafft haben) bekommt auch gleich das Nachfolge-Album “Fly”. “The Dixie Chicks” räumen ab, was nur abzuräumen geht, die Kritiker sind begeistert, die Medien schlagen sich um sie, die Preise häufen sich. Nachdem “Wide Open Spaces” ihnen bereits drei Grammys eingebracht hatte, debütiert auch Fly sofort auf Platz 1 der Billboard Top 200 und bleibt dort sagenhafte 36 Wochen lang. Bis 2003 kommen noch vier Grammys hinzu und vier Dutzend weitere wichtige Preise der Musikszene. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Band schlappe 100 Millionen Dollar allein mit Konzerttickets umgesetzt. Mit ihrer “Top of the World”-Tour 2003 sollten die drei “Chicks”, von denen zwei einmal als Straßenmusikerinnen in Dallas angefangen hatten, mehr Kohle verdienen als je ein Country-Musiker zuvor in einem Jahr eingenommen hatte. Kurz und gut, eine filmreife amerikanische Traumkarriere … Daß die drei Frauen sehr wohl auch ihren eigenen Kopf hatten und nicht nur die Lieblinge des Business mimten, konnte man hier und da erahnen, beispielsweise an dem für konservativen Country ausgesprochen merkwürdigen Song “Goodbye, Earl”, in dem die Geschichte von zwei Freundinnen erzählt wird, die den gewalttätigen Ehemann der einen kurzerhand abmurksen und entsorgen (siehe hier das Video dazu bei Youtoube). Doch solche Ausrutscher verzieh man gern, der Song wurde kurzerhand als “kontrovers” eingestuft und man hievte die “Dixie Chicks” auf der Leiter weiter nach oben, bis sie zum XXXVII. Super-Bowl 2003 (Meisterschaftsendspiel der National Football League der USA mit riesigem Medienrummel) sogar die Nationalhymne singen durften - das ist doch mal was.
Doch kommen wir zum 10. März 2003 zurück, der Tag, an dem die Tour der Dixie Chicks sie ins restlos ausverkaufte “Shepherd’s Bush Empire” nach London führte. Zehn Tage vor Beginn des Irakkrieges war die Stimmung in Europa nicht gerade amerikafreundlich. In London hatten mehr als eine Million Menschen gegen den bevorstehenden Krieg demonstriert, mehr als jemals zuvor in der britischen Geschichte. Während George W. Bush in den USA selbstgefällig den Höhepunkt seiner Popularität genoß, rutschte die angeblich so freiheitsliebende Nation mit den meisten Kriegen der Menschheitsgeschichte überall in der Welt endgültig ins Aus jeglichen Verständnisses.
Es spricht sehr für den Film, daß er das, was nun passiert, nicht als große mutige, heroische Widerstandstat der Dixie Chicks verkaufen will, sondern als das darstellt, was es anfangs wirklich war - ein Ausrutscher. Vielleicht aus dem Bemühen, die Londoner auf ihre Seite zu holen, vielleicht aus Angst vor einer gewissen Ablehnung, vielleicht auch einfach nur aus einem kurzentschlossenen und unbedachten Gedanken aus dem Herzen heraus ruft Natalie in die Menge: “Just so you know, we’re on the good side with y’all. We do not want this war, this violence, and we’re ashamed that the President of the United States is from Texas.” Besonders die letzte Wendung “Wir schämen uns dafür, daß der Präsident der Vereinigten Staaten aus Texas kommt.” wird kurz darauf medial den Planeten umkreisen. Sie erntet rasenden Beifall und das Konzert wird ein Erfolg wie jedes andere auch, keine Frage.
Doch welche Suppe sich die Mädels damit eingebrockt hatten, das wurde erst in den Tagen und Wochen nach London richtig klar. Das rechtskonservative Südstaaten-Amerika drehte völlig durch. Dessen hübsche Lieblinge hatten sich eindeutig im Ton vergriffen und das nahm man ihnen nun mehr als übel. Dokumentarisch zeichnet der Film diese schwierige Phase für die sonst so Erfolgsgewohnten sensibel nach. Die Country-Sender boykottieren in der Folge jeden Song der Band, überall im amerikanischen Süden finden öffentlich Szenen statt, die nicht von ungefähr an Bücherverbrennungen im Dritten Reich erinnern: Fans der “Dixie Chicks” werden aufgefordert, ihre CDs in bereitgestellte Mülltonnen zu werfen, auf Straßen und Plätzen werden die platin-überhäuften Alben jetzt symbolträchtig von Walzen und Bulldozern zermalmt; die öffentliche Meinung wendet sich gegen sie. Es finden Demonstrationen gegen die Band statt, faschistoide Südstaaten-Organisationen bedrohen die letzten Sender, die noch Songs der Band spielen, die Alben fliegen binnen weniger Tage aus den Charts, Beleidigungen und Schmähungen wie “Saddam-Huren” machen die Runde. Im nachhinein muß diese für europäische Augen und Ohren völlig paranoide Stimmung verständlich erscheinen, denn schließlich hatte nicht ein Marilyn Manson seine sowieso bekannte Meinung von sich gegeben, sondern hier sprachen naive, gut erzogene texanische Lieblingsmädels von nebenan direkt aus dem konservativen Herzen Amerikas - und zwar so ganz anders als erwartet!
Die Doku geht weiter sehr feinfühlig vor. Es werden Ausschnitte aus Interviews und Radiomoderationen gezeigt. Die Band und ihr Management versuchen Schadensbegrenzung zu betreiben, ja man rudert zurück, will alles gar nicht so gemeint haben. Gleich sind auch die Auswirkungen auf das Business spürbar, der Hauptsponsor “Lipton Tea” möchte gern aussteigen und damit nichts zu tun haben. Die Frauen sind verwirrt, ungläubig, streiten sich. Alles geht den Bach runter.
Man kann auch den Unterschied zwischen den etwas braveren Schwestern Emily und Martie und der rebellischen, intelligenten Sängerin Natalie Maines erkennen, die immer wieder interveniert, sich weigert Sendern und Meinungsmachern in den Arsch zu kriechen, zunehmend bei ihrer Meinung bleibt und sich keineswegs entschuldigen möchte. Als sich “Mr. President” gewohnt heuchlerisch in einem Interview selbst zum Thema “Dixie Chicks” äußert, ist ihr Kommentar spontan, natürlich und eindeutig (wird hier aber nicht verraten). Die beeindruckende emotionale Stärke des Films besteht in der Darstellung der inneren Entwicklung und Reifung der Musikerinnen, die langsam aber sicher mehr Selbstbewußtsein gewinnen und lernen zu sich selbst und ihrer Meinung zu stehen, begleitet von einem - wie ich finde - bemerkenswert empathischen und toleranten Manager. Der Preis, den sie für ihren “Zwischenfall” bezahlen ist hoch und reicht von Konzertabsagen und hohen finanziellen Verlusten bis hin zu ultimativen Morddrohungen bei einem Konzert in Dallas, ihrer Heimatstadt. Der brave Deutsche darf sich zudem nebenbei wieder über die so ganz anderen amerikanischen Verhältnisse wundern: denn der dümmliche und aggressive Mob, der fahnenschwingend hierzulande wegen Volksverhetzung schon längst hinter Gittern sitzen würde, genießt dort normale und medial anerkannte Respektabilität.
Ich will den Faden nicht zu lang spinnen. Die “Dixie Chicks” des Jahres 2007 sind nun nicht mehr die unbedarften Girls aus dem Süden, die sie einmal waren. Die Band wendet sich vollständig von der verlogenen und erzkonservativen Country-Szene ab und bereitet mit Hilfe des legendären Musikproduzenten Rick Rubin ein Comeback mit einem neuen Album vor. Dieser Rick Rubin (er produziert u.a. die Red Hot Chili Peppers) kommt auch im Film vor und bereitet optisches und akustisches Vergnügen (… seht selbst). Und obwohl der Film zeitlich leider nicht ganz so weit geht, ist doch das mehr oder weniger erstaunliche Happy End bekannt. Die Popularität von Bush und seinem auf Lügen aufgebauten Krieg ist so weit im Keller, wie man es sich nur vorstellen kann, die der Chicks (dank alter treuer, vor allem aber neuer Fans) mitnichten. “Natalie, du hattest Recht” ist ein schönes Eingeständnis auf dem Transparent eines Fans bei einem Konzert der neuen Tour. 2007 bekommen “The Dixie Chicks” erneut fünf Grammys, darunter allein drei für ihren Song “Not Ready to Make Nice“, in dem sie ihre Gedanken zur Hexenjagd der letzten Jahre ausdrücken und der nebenbei gesagt immer noch von den meisten Radiostationen der amerikanischen Südstaaten nicht gespielt wird.
Damit können wir uns zurücklehnen und der Genugtuung frönen, daß einmal nicht die finsteren Gesellen den Sieg davontrugen und so etwas wie höhere Gerechtigkeit ihr frommes Werk getan hat. Zu solch netten Gedanken empfiehlt es sich, eine Scheibe der “Dixie Chicks” einzulegen und ein paar der Songs der Mädels zu hören … oder sich diesen empfehlenswerten Film zu besorgen, der unter folgendem Motto steht:

“Freedom of Speech is fine, as long as you don’t do it in public.”

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