Lieblingspolitiker
© 1998 by Frank Cebulla
In der Ära “großer Wahlen” (was immer das auch bedeuten mag) halten Politiker gern wohlfeile Reden. Die Wahrheit hinter ihren geschniegelten Weiße-Weste-Anzügen spielt dabei meistens keine große Rolle. Obwohl diese erbärmliche Sorte Mensch eigentlich eben gerade nicht der Rede wert ist, habe ich zu einem früheren Zeitpunkt ein Exemplar - Franz Josef Strauß - einmal von einer anderen Seite beleuchtet (veröffentlicht in Die Kiste II/98, siehe Anm.). Manchmal hört man darauf Sätze wie: Ja, der Strauß war ein Gauner, aber der XY, das ist ein feiner Kerl … Offensichtlich war die damalige Geschichte noch nicht deutlich genug, um das Wesen des Politikers an sich offenzulegen. Deshalb eine weitere Geschichte … und diesmal nicht irgendwer, nein … dieses Mal ein echtes Musterexemplar, einen über jeden Zweifel Erhabenen, den Oberpolitiker par excellance …
Anfang der 60iger Jahre planten die Amerikaner (wer sonst?) wieder einmal einen einträglichen Krieg - alles natürlich nur für Freiheit, Demokratie, die Sicherheit des Westens, die Ehre der Nation usw. Als strategisches Sicherheitsrisiko für das mächtigste Land der Welt wurde dieses Mal das kleine Vietnam auserkoren. Unabhängige und kritische Historiker wie Karlheinz Deschner sehen das geringfügig anders: “Die ganze Blutrunst wurde von einem unentwegten Schwall widerlicher Phrasen begleitet, von permanenter Heuchelei”, heißt es da für den gehirngewaschenen Normalbürger recht überraschend.
Na ja, das war ja nun wirklich nichts Neues. Als Präsident der USA zu dieser Zeit regierte der großartige Lyndon B. Johnson. 1964 im Wahlkampf auf Stimmenfang schwört er der Nation Stein und Bein: “Wir werden keine amerikanischen Soldaten Tausende von Kilometern weit fortschicken, damit sie die Arbeit der asiatischen Soldaten tun.”
Johnson gewann die Wahl. Drei Jahre später kämpften bereits 486000 Amerikaner in Vietnam. Das Gespenst des Kommunismus diente dazu, die Schafe der Nation wieder mal zur Schlachtbank zu führen. Insgesamt standen in einem der schmutzigsten Kriege der Geschichte 2,6 Millionen Amerikaner in Asien und “taten dort ihre Arbeit”. Eine feine Arbeit, wie sich herausstellte! Am 13. 2. 65 befiehlt Johnson die ständige systematische Bombardierung Vietnams. “Gott segne Euch!” rief er gütig, als er die Männer seines Landes in Irrsinn und Tod schickte. Eine feine Arbeit: die Masse der eingesetzten Bomben und Raketen übertrifft die des Zweiten Weltkrieges um das Dreifache, mehr als 2 Millionen Nordvietnamesen sterben, weitere 3 Millionen werden verwundet, das Land zerbombt und dem Erdboden gleichgemacht. Zeitweise warf man monatlich 50 Millionen Liter Napalm ab.
Als man trotzdem nicht mit den Feinden Amerikas klarkam, setzte man Chemiewaffen ein, u.a. das hochgiftige, dioxinverseuchte “Agent Orange”. Es wurde in so unglaublichen Mengen zur Entlaubung der Wälder, zur Verseuchung der Ernten und Felder, zum Besprühen von Dörfern eingesetzt, daß der amerikanische Hersteller, der Chemie-Konzern Dow Chemical in arge Lieferschwierigkeiten kam. Die tausend Prozent Profit, die man damit machte und die Millionen Toten, über die man dafür ging (um mit Karl Marx zu sprechen), überforderten offenbar sogar die Helfershelfer der Mörder.
Gott sei Dank (hätte der Kriegstreiber Kardinal Spellman gesagt) gab es verläßliche Partner im Mordsgeschäft auch anderswo - in Deutschland z.B.! Dow Chemical lobte den “großartigen Kooperationsgeist” des Chemieunternehmens Ernst Boehringer, Ingelheim. Auch in der deutschen Firma war man glücklich über den gesegneten Auftrag: “Solange der Vietnam-Krieg andauert, sind keine Absatzschwierigkeiten zu erwarten”, hieß es da. Wie man sieht, waren die Manager dieser sauberen deutschen Firma Optimisten!
An der Spitze von Boehringer stand seinerzeit Dr. Richard von Weizsäcker - späterer Präsident des Evangelischen Kirchentages und Bundespräsident Deutschlands, Obermoralapostel und Vorzeigepolitiker …
Agent Orange mit den modernen Zutaten aus Ingelheim! Weizsäcker-Gift mit garantierter Wirkung: Fische, Rinder, Schweine, Schafe getötet, Hunderttausende Hektar Wald vernichtet, Hunderttausende Menschen getötet, Lungenödeme, Fehlgeburten, Mißbildungen, unsägliche Magen- und Darmkrankheiten, Kindestode … Herr Weizsäcker mit dem markanten Werbelächeln auf den BROT-FÜR-DIE-WELT-Plakaten und mit noch markanteren Worten auf Kirchentagen und Preisverleihungen für Menschenrechte: “Die Notstände gehen uns alle an.” oder “Wir müssen teilen lernen.” An Leid und Tod läßt sich gut verdienen, auf diese oder auf jene Weise … Mit einem beruhigenden Vermögen in dreistelliger Millionenhöhe, mit einem 100-Millionen Aktienpaket der Firma Bosch in der Hosentasche kann man ganz lockere christliche Reden halten, nicht wahr?
Ach ja, da schließt sich der Kreis wieder, bei den Reden.
Große Leute halten eben große Reden. Schließlich ist das ja ihr Geschäft.
Ach ja, das Geschäft …
wird blind für die Gegenwart!” R. v. W.

Links:
- http://www.autorenhessen.de/autoren/barth-engelbart/0070.html
- http://www.magie-info.de/buecher/deschner.htm
Literatur:
- E. R. Carmin; Das Schwarze Reich, München 1994
- Karlheinz Deschner; Der Moloch, München 1998
Anmerkung: Leider ist dieser quasi erste Teil der “Lieblingspolitiker” verlorengegangen. Im wesentlichen ging es um die Rolle, die der ehemalige “Offizier für wehrgeistige Führung” und Mitglied des NSKK-Sturms 23/ M86 in den Zeiten des Dritten Reiches, Franz (Josef) Strauß, nach dem Krieg jetzt im besten Einvernehmen mit den alliierten Besatzern spielte. Strauß war Ende der 50er Jahre maßgeblich an der sogenannten Starfighter-Affäre beteiligt. Strauß kaufte vom Lockheed-Konzern, zu dem er beste persönliche Beziehungen unterhielt, für sage und schreibe 10 Milliarden DM (natürlich aus Steuermitteln) ein bei Vertragsschluß noch nicht mal entwickeltes, geschweige denn erprobtes Fluggerät, den Starfighter F-104 A, der später als “Witwenmacher” und “fliegender Sarg” in die Militärgeschichte eingehen sollte, denn bis 1979 stürzten nicht weniger als 203 dieser Maschinen ab. Das Geschäft hatte sich trotzdem gelohnt, denn später kam heraus, daß ein Prozent des Verkaufspreises für jedes Flugzeug als “Provision” in die Parteikasse der CSU floß, insgesamt schätzungsweise zehn Millionen Dollar. Als der sogenannte Lockheed-Skandal an die Öffentlichkeit geriet, konnten sich die Verantwortlichen sowohl bei Lockheed als auch im deutschen Verteidigungsministerium beim besten Willen nicht mehr erinnern. Im Sommer 1976 entdeckte man überdies, daß das gesamte Aktenmaterial über den Kauf der F-104 aus dem Verteidigungsministerium verschwunden war …Ungeachtet weiterer Skandale wuchs Franz Josef in der Folge zu einem der respektabelsten und beliebtesten Politiker der deutschen Nachkriegsgeschichte heran - eine dreckige Hand hat schon immer die andere gewaschen. [nach oben]
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