Mimirs Brunnen

oder die vergessenen Wurzeln unserer eigenen Kultur

© 1997 by Frank Cebulla

Im altbekannten Märchen “Der Froschkönig” läßt eine unachtsame Königstochter den geliebtesten Gegenstand ihres Herzens, eine goldene Kugel, in einen Brunnen fallen. In diesem wie auch vielen anderen Märchen steht der Brunnen für das Unbewußte, das tiefe Dunkel der Seele, das verborgene Wissen, das Verlorengehen und Vergessen. Viel Mühe, Überwindung und Mut ist erforderlich, um etwas aus einem Brunnen wieder ans Tageslicht zu fördern.
In Deutschland ist ein ganzes Volk seit mittlerweile fast zweitausend Jahren in einen gigantischen Brunnen gefallen und hat es nicht einmal gemerkt! Behäbig, faul und gelähmt schlafen wir in einem vorgesetzten Sumpf aus Monotheismus, Gehorsam, Unfreiheit und Schuld. Kein anderes Volk Europas leidet so stark am Vergessen der eigenen vorgeschichtlichen, mythologischen und religiösen Wurzeln. Diese Aussage ist bewußt kritisch formuliert. Einige Erlebnisse und Lektüre der letzten Zeit haben mich bewogen, diesen Artikel zu schreiben. Ich werde darin versuchen, meine These zu erklären und einige Erinnerungsanstöße an unseren “tatsächlichen” Ursprung zu geben.

Europäische und darin eingebettet auch deutsche Geschichtsschreibung zeigt uns unseren Entwicklungsweg zurück über die beiden Weltkriege, die Anfänge der industriellen Revolution, das christlich bestimmte Mittelalter bis hin zum Römischen Reich und der griechischen Antike. Soll der Blick tatsächlich noch weiter zurückreichen, so landet man am ehesten noch im Zweistromland und dem alten Ägypten. So oder so ähnlich haben Sie es selbst in der Schule gehört und so lernen es Ihre Kinder oder Enkel heute noch. Der weitaus größte Teil der europäischen Bevölkerung stammt jedoch von alteuropäisch-neolithischen, germanischen und keltischen Vorfahren ab! Die Wurzeln unserer ureigensten Kultur sind nicht römisch, nicht antik, nicht christlich, nicht nahöstlich! Sie haben recht: Das hört sich irgendwie komisch an, nicht wahr? So, als hätte man nach langer Zeit wieder mal etwas von einem Bekannten gehört, mit dem man einst gute Zeiten verbracht hat! Nach gängiger psychoanalytischer Auffassung gehen die Bewußtseinsinhalte, die man vergessen oder verdrängen muß, nicht gänzlich verloren. Sie rutschen ins Unbewußte hinab und führen dort ein Eigenleben. Deutschland als eines der Kernländer nordisch-germanischer Kultur besaß einst einen reichen Schatz an religiösem Wissen, an Mythologie und Jahresfesten, an Kulten und Ritualen. Vieles davon ist verlorengegangen, manches wohl für immer. Das Wichtigste jedoch lebt im kollektiven Unbewußten weiter, in den weitverbreiteten und berühmten Hausmärchen, in regionalen Sagen und Geschichten alter Leute, in Brauchtum und Festen. Auch nach zweitausend Jahren Christentum feiern wir Fasnacht, Maisprung, Weihnachten und vor allem Ostern heidnisch, nämlich so wie unsere Ahnen der Vorzeit!
Aus einem Grund, über den es sich lohnt einmal näher nachzudenken, hat man sich in Deutschland von jeher viel Mühe gegeben, die Erinnerung an unsere vorchristliche Vergangenheit möglichst umfassend zu zerstören. Wenn Sie schon einmal Skandinavien bereist haben, dann sind Ihnen sicherlich die enorm vielen und gut ausgeschilderten Hinweise auf vorchristliche Heiligtümer, Grabfelder und -hügel, Steinsetzungen und Fluchtburgen aufgefallen. Wußten Sie, daß es ebenso in Ihrer Region Grabhügel und alte Wüstungen gibt? Wußten Sie, daß Menhire (Steinsetzungen) einst auch in großer Zahl in deutschen Landen standen? Kennen Sie die Kultplätze Ihrer Heimat oder nur Ihrer unmittelbaren Umgebung?
Das soll kein als Frage formulierter Vorwurf sein. Sie können all dies gar nicht kennen. Immerhin sind große Anstrengungen unternommen worden, Ihren Vorfahren und Ihnen selbst dieses Wissen auszutreiben! Ja, auch heute, in unserer freien, aufgeklärten Gesellschaft (oder soll man statt Gesellschaft gleich nur noch Marktwirtschaft sagen?) findet diese Austreibung weiterhin statt. Die Jahresfeste treibt man mit Sauf- und Kauffesten aus, die Märchen mit Walt Disney, die germanischen Mythen mit den antiken Mythen und die antiken Mythen mit der Bibel usw. Sie können massenweise Bücher über griechisch-römische Göttergeschichten kaufen; haben Sie schon einmal versucht, die Edda (die Mythensammlung unserer Ahnen) in einer vernünftigen, vollständigen Ausgabe zu bekommen? Ich wette eins zu einer Million, daß Sie die uralten Lieder und mythischen Geschichten unserer fernen Vorfahren im Unterricht Ihrer Kinder vergeblich suchen werden.
Nun gut! Was soll das alles? Keiner kann das Rad der Geschichte zurückdrehen; keiner kann uns wieder zu waschechten Germanen oder Wikingern machen. Warum sollte man sich heute noch mit unseren uralten, eigenen Mythen beschäftigen? Ist das nicht Schnee von gestern?
Statt einer Antwort möchte ich Ihnen solch einen alten Mythos erzählen. In dieser Geschichte ist vom Gott Odin die Rede, in deutschen Landen vielleicht besser unter dem Namen Wotan bekannt. Als den “wütenden” Sturm- und Himmelsgott verehrten ihn die westgermanischen Völker, auch als den Schlacht- und Kriegsgott schlechthin. Doch sein Gottesbild zeigt noch andere Seiten. Zum Beispiel den merkwürdigen, rastlosen Weisheitssucher.
“Ich weiß, daß ich hing
am windigen Baum
neun Nächte lang,
mit dem Ger verwundet,
geweiht dem Odin,
ich selbst mir selbst,
an jenem Baum,
da jedem fremd,
aus welcher Wurzel er wächst.”
So berichtet es die Edda. Odin hängte sich um seiner Einweihung willen an den Weltenbaum Yggdrasil. Am Ende seines Opfers erhält er die Runen, jenes geheimnisvolle Alphabet, das noch heute jeden voller Kraft in seinen Bann schlägt, der sich mit ihm beschäftigt. Doch der Besitz der Runen ist das eine, das Wissen um ihren Gebrauch etwas anderes. So muß Odin zum Brunnen des uralten, weisen Riesen Mimir pilgern. Mimir bedeutet ‘Erinnerung’. Derjenige, der sich seiner Vergangenheit und seiner Wurzeln nicht bewußt ist, kann auch für seine Zukunft kaum handlungsfähig sein. Er besitzt den Zauber nicht. Odin muß am Brunnen des Riesen ein Auge opfern und erhält daraufhin Antwort auf alle seine Fragen. Und wir? Wieviel Fragen hat jeder von uns in seinem Leben noch zu beantworten? Wieviel Fragen muß unsere ganze Gesellschaft noch bewältigen, bis wir zu einer für Mensch und Natur gleichermaßen akzeptablen Lösung gelangen?
Ich glaube ganz ehrlich gesagt nicht, daß die an höchster Stelle Entscheidenden in diesem Land das Gute für uns im Sinn haben. Das ist meine ganz persönliche Meinung und Sie müssen sie nicht teilen. Aber die Formen der Manipulation (nicht nur unserer Geschichte) werden immer vielfältiger und offensichtlicher. Woher sollen wir also das Wissen und die Kraft zur Beantwortung unserer Fragen nehmen?
Aus den Zeitungen und Fernsehsendungen, den Talk-Shows und Nachrichtenmeldungen? Alle großen Nachrichtenagenturen dieser Welt werden von einer einzigen Bankengruppe finanziert. Was glauben Sie, warum diese Leute ihr großes Geld in Ihre Unterhaltung und “Information” stecken? Aus Nächstenliebe, aus Langeweile oder Überdruß?
Wenn wir uns mit der Mythologie und Religion unserer Ahnen beschäftigen wollen, haben wir gleich am Anfang ein Problem, das jeder für sich abklären muß.
Vor nicht allzu langer Zeit fand bereits ein Versuch statt, esoterische Kräfte unserer vorchristlichen Vergangenheit wiederzubeleben. Ich spreche vom sogenannten Dritten Reich und vom Nationalsozialismus.
Ich sage Ihnen gleich und möglicherweise zu Ihrer Beruhigung, daß mich mit keiner Diktatur oder Tyrannei der Welt Sympathien irgendeiner Art verbinden. Der Mißbrauch germanischer Symbolik aus reinen Machtgründen und praktischer Demagogie hat dieser sehr geschadet. Wer kann schon heute noch im Hakenkreuz das segensreiche Sonnensymbol unserer Urahnen sehen, das es tatsächlich einmal war??? Wer bringt es nicht automatisch mit Welteroberungsplänen, Rassenideologie und Völkermord in Verbindung? Wer weiß um die Kräfte der weiblichen (!) Sonnenrune Sowilo und denkt nicht sofort an die Soldateska der SS?
Ist Ihnen andererseits einmal aufgefallen, daß man über diese Seite des Dritten Reiches fast nie etwas hört? Man tut so, als ob es einen okkulten Hintergrund der Nationalsozialisten nie gegeben hat! Woran wird das liegen? Und kann es gut und richtig sein, daß Menschen, die sich heute z.B. wieder für Runen interessieren, in einem Zusammenhang mit Neonazis, Ausländerhassern und Mördern genannt werden (wie z.B. am 13.6.96 in einer Sendung des WDR mit dem Titel “Kulte, Führer, Lichtgestalten”)? Oder ist vielleicht gerade das beabsichtigt? Natürlich sind Bücher über Runen und nordisch-germanische Mythologie frei verfügbar. Aber durch das politisch korrekte Paradigma wird automatisch jeder, der sich mit den mythologischen Wurzeln unserer Kultur beschäftigt, in ein zwielichtiges, wenn nicht gar kriminelles Licht getaucht. In besagter Fernsehsendung lautete das unter anderem so: “… die Edda verkündet allen die Heilsbotschaft: den Sieg der nordischen Rasse über alle anderen.” Wer auch nur einmal in der Edda gelesen hat, weiß, daß diese Behauptung schlicht eine Lüge ist. Können Sie sich vorstellen, warum Sie absichtlich belogen werden und wer ein Interesse daran hat? Unser Urwissen, das noch immer in den Tiefen unserer Seele schlummert, soll ausgetrieben werden. Eine Teufelsaustreibung, zweifellos! Denn natürlich ist das alles böse und faschistisch und rassistisch usw. und so fort! Unter dem bequemen Stichwort Neonazi kann man schon heute beliebig alles und jeden in Bausch und Bogen verdammen, der eine unbequeme, kritische oder gar rebellische Meinung vertritt. Die scheinbaren Freiheiten, die diese Gesellschaft für das manipulierte Individuum bereithält, sind die Brosamen vom Tisch der Herrschenden. Solange sich die Sklaven in der Sklaverei noch wohlfühlen, ist die Welt in Ordnung. Wer sich jedoch wieder aufmacht, ein wirklich freier Mensch mit Würde zu werden, ist nicht gern gesehen.

Was kann man schon aus alten Geschichten lernen? Nun, ich erzähle Ihnen einfach noch etwas aus der Edda. Da gibt es einen anderen stattlichen Gott mit Namen Thor. (Als deutscher Donar hat er uns immerhin unseren Donnerstag beschert!) Thors mächtigste Waffe ist sein Hammer. Nur dieser Hammer kann die Riesen als Gegner der Götter in Schach halten. Doch als Thor schläft, wird sein Hammer vom Riesen Thrym gestohlen, der ihn versteckt hält. Thrym fordert im Austausch die schöne Freya (die Göttin unseres Freitags) zur Frau. Dies bedeutet schlichtweg einen Skandal, denn Freya ist die Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit und wer möchte die schon freiwillig verlieren? Die Götter beratschlagen und kommen auf eine Idee. Thor begibt sich in Frauenkleidern, als Freya verkleidet, zu Thrym und vermag ihn so zu täuschen und sich seinen Hammer wiederzuholen. Thor ist der Inbegriff eines männlichen Gottes. Er verliert seine Kraft und muß sie sich in Gestalt einer Frau wiederholen. Ist das nicht eine großartige Geschichte? Ich denke, eine ganze Menge Männer auf dieser Welt hätten Thors Gang zum Riesen verdammt nötig! All jene Männer, die ihre Würde, ihren Stolz, ihre sexuelle Kraft schon verloren hatten, bevor sie in eine Welt geboren wurden, die nicht bereit ist, mehr in ihnen zu sehen als Arbeitstiere und Kanonenfutter …
Von Jean Paul stammt der Satz: “Die Erinnerung ist das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können.” Ein guter Schluck aus Mimirs Brunnen täte uns allen gut, uns und unserer Zukunft. Sich zu erinnern ist keine Schande und erst recht nicht unzeitgemäß.

Bitte kommentieren Sie

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.