Wissenschaft und freie Erkenntnis
© 1998 by Frank Cebulla
I
Die Stellung der Wissenschaft ist in der Gegenwart so unangefochten, daß jegliche kritische Diskussion dieser Institution des Rationalismus als unangebracht, ja überflüssig erscheint. Unser gesamtes Leben ist von Wissenschaft durchdrungen. Wenn wir das Licht dieser Welt erblicken, tun wir das unter der instrumentellen Kontrolle akademisch ausgebildeter “Geburtshelfer”. Als Kinder bewegen wir uns entlang einer imaginären Linie wissenschaftlicher Erziehungsprinzipien und -ratschläge; unser frühzeitiges Fehlverhalten jeglicher Art gerät unter die Fittiche der psychologischen Seelenwissenschaft und wenn wir - wissensdurstig wie ein kleiner Mensch nun einmal ist - uns auf den Pfad des Lernens begeben, warten in pädagogischer Wissenschaft ausgebildete Lehrer auf uns, die uns wiederum fast ausschließlich die Erkenntnisse der Wissenschaft, d.h. Sprache, Physik, Biologie, Geschichte, Soziologie usw. vermitteln. Unsere Gesundheit und die unserer Kinder vertrauen wir wissenschaftlich ausgebildeten Medizinern an, selbst dann vertrauensselig und ohne Gegenwehr, wenn diese unsere Körper schneiden, brennen, verstümmeln, bestrahlen und vergiften. Ihre Urteile, Diagnosen und Prognosen sind über jegliche Kritik erhaben. Wo Straßen gebaut werden, entscheiden Fachleute und Spezialisten, wo Wald abgeholzt wird, ebenfalls. Wie, mit welchen Mitteln, warum und in welchem Maße wir die Umwelt verschmutzen, beobachten, vermessen und entscheiden Wissenschaftler. Welche Sorte Energie für uns die beste und sicherste ist, kann nur von Wissenschaftlern kompetent beurteilt werden. Wie wir uns kleiden, bewegen und nicht bewegen, wie wir uns unterhalten, politisch betätigen oder bilden, Wissenschaftler entscheiden, ihre Fachurteile und Expertisen sind maßgebend. Sexualwissenschaftler normieren unser Liebesverhalten und benennen unsere Perversitäten. Welche Vorstellungen über Gott und die Welt vernünftig oder nicht vernünftig sind, auch in dieser metaphysischen Frage können wir uns ganz auf die Theorien von Philosophen, Religionswissenschaftlern und Theologen verlassen.
Eine exakte und auf rationalen Prinzipien aufgebaute Grabeswissenschaft beschäftigt sich schließlich damit, wie und in welcher Form wir unter der Erde landen (ein derartiges Fach wird an amerikanischen Universitäten gelehrt).
II
Offensichtlich besitzen wir eine gigantische Menge Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen und deren Vertreter. Wir vertrauen ihnen in der Tat mehr als unserem eigenen, sprichwörtlichen “gesunden Menschenverstand”; wir vertrauen den “Experten” sogar dann, wenn es uns das Leben kostet.
Nicht erst in jüngster Zeit kommen Menschen, ja manchmal ganze Nationen dahinter, daß irgendetwas faul an der ausschließlich rational-wissenschaftlichen Denkweise ist. Die wissenschaftliche Medizin ist ein gutes Beispiel für diese Erkenntnis. Die Konzentration auf rationale Prinzipien hat zu einer allgegenwärtigen Zunahme von Inkompetenz, Facharroganz und blindem, sprich ergebnislosem Forschungseifer geführt und zu einer Abnahme von Menschlichkeit im ganzheitlichen Sinne. Wenn westliche Ärzte heutzutage den menschlichen Körper als eine Art biochemische Maschine betrachten, die sie ganz nach Belieben öffnen können, um Teile zu verändern oder daraus zu entfernen, dann haben sie in den allermeisten Fällen nicht die geringste Vorstellung davon, daß es andere Traditionen der Diagnose und Behandlung von Krankheiten gibt, die den Körper völlig unversehrt lassen und trotzdem seit Jahrtausenden erfolgreich arbeiten, z.B. die traditionelle chinesische Medizin.
Alles, was außerhalb der Heiligen, Alleinseligmachenden Kirche “Wissenschaft” liegt, wird in erschreckender Ignoranz als irrational, primitiv, lächerlich und was es an dergleichen Vokabular noch gibt, in Bausch und Bogen abgetan. Die Argumente, die dazu eingesetzt werden, erweisen sich bei näherer Prüfung als ausgesprochen dünn.
Beispielsweise ging man in der Archäologie mit dem theoretischen (aus der Abstammungslehre stammenden) Vorurteil an die Feldforschung, frühere Kulturen wären primitiver als unsere eigene (westliche) Kultur. Dies führte zu haarsträubenden Irrtümern. Untersuchungen von Wissenschaftskritikern zeigten, daß moderne Archäologen z.B. die kosmologischen und astronomischen Grundlagen von Steinzeit-Observatorien nicht einmal annähernd verstanden. In den 70iger Jahren gab es in den USA ein Pamphlet von 186 führenden Wissenschaftlern, in dem die Verbreitung der Astrologie beklagt und bekämpft wurde. Journalisten stellten später fest, daß selbst die Nobelpreisträger unter den Unterzeichnern nicht das geringste Wissen über Astrologie besaßen oder sich jemals damit beschäftigt hatten. Dies hielt sie natürlich nicht davon ab, sie mit “gelehrten”, sprich nichtssagenden Argumenten zu verdammen.
Als die chinesischen Kommunisten in den frühen Fünfzigern per Dekret die Einführung der westlichen Wissenschaft im Gesundheitswesen ihres Landes befahlen (aufgrund der wissenschaftlichen Dialektik des Materialismus), bemerkten selbst die Betonkopf-Funktionäre kurze Zeit später, daß diese Entscheidung in die Katastrophe führte. Einige Jahre später (1957) wurde die traditionelle chinesische Heilweise im Schnellverfahren wieder eingeführt - mit segensreichen Folgen für den Gesundheitszustand der Bevölkerung!
Gigantische finanzielle Mittel flossen in den letzten Jahrzehnten in die Krebsforschung, natürlich nur in die auf wissenschaftlichen Prinzipien aufgebaute. Das Ergebnis ist gleich Null. Die in der alternativen Volksmedizin und Diätetik schon lang diskutierten Krebsursachen, beispielsweise einer falschen, sprich übersäuernden, viel zu eiweißreichen Ernährung, blieben dagegen außen vor und wurden erst in allerjüngster Zeit zögernd und nur mit Widerstand von wenigen akademischen Außenseitern aufgegriffen.
Seit dem Aufkommen der wissenschaftlichen Lehre vom Atom im antiken Griechenland änderte sich die Einstellung der “Gelehrten” dazu so oft wie das Wetter. Gleich nach Demokrit wurde die Atomtheorie wieder verworfen, im späten Mittelalter wieder aufgegriffen, in der Renaissance verworfen, Ende des 19. Jh. wieder aus der Taufe gehoben, von Einstein begeistert übernommen und von der Quantenmechanik wieder verworfen. Milliarden an Forschungsgeldern steckte man in Teilchenbeschleuniger und ähnlichen Unsinn, ohne die geringste Relevanz für auch nur ein einziges Problem des ganz normalen Lebens ganz normaler Menschen auf dieser Erde.
Unter dem amerikanischen Präsident Johnson gab es ein finanzielles Armutsprogramm, dessen Mittel von wissenschaftlichen Institutionen verwaltet und eingesetzt wurden. Eine politische Kontrolle stellte entsetzt fest, daß ein großer Teil der Gelder für soziologische Studien, Konferenzen, Publikationen, Filme usw. aufgewendet wurde, anstatt die realen Probleme der Menschen vor Ort tatsächlich anzugehen. Arme Menschen waren nach dem Programm genauso arm wie vorher, während gut bezahlte Wissenschaftler jahrelang gegrübelt und sinniert hatten, wie man ihnen denn am besten helfen könnte! Dies ist kein bedauerlicher Einzelfall, sondern hat Methode - wissenschaftliche Methode.
600 “Forscher” aus 40 Ländern hielten kürzlich den Internationalen Kongreß für Mittelalterliche Philosophie ab. In einer Presseverlautbarung gaben sie das Ergebnis der aufwendigen und teuren Veranstaltung bekannt: “Vor allem” sei deutlich geworden, “daß die Neuzeit ohne das Mittelalter nicht gedacht werden könne”. Bravo! Das hätte sonst keiner gewußt. Für solchen Schwachsinn berappen wir Unsummen an Steuergeldern.
Delarue, Coulter u.a. weisen seit Jahren darauf hin, daß die wissenschaftlich initiierten Impfprogramme keinerlei Wirkungen zeigen, ja im Gegenteil geradezu für gefährliche Nebenwirkungen verantwortlich sind - ausgezeichnet untermauert mit Untersuchungen und Studien. Die wissenschaftliche Medizin verhält sich dieser Tatsache gegenüber völlig ignorant. Selbst im persönlichen Bereich mehren sich diesbezügliche Erfahrungen. Patienten, die mit der Amputation von Körperteilen und -organen bedroht werden, gehen lieber zu alternativen Therapeuten und machen dort gute Erfahrungen. Auch mein Sohn wurde kürzlich mit der chirurgischen Entfernung seines Blinddarms bedroht. Eine Einmalgabe eines homöopathischen Arzneimittels löste das Problem völlig schmerzlos innerhalb von 24 Stunden. Homöopathie gehört zu den wissenschaftlich nicht bewiesenen, abgelehnten und verspotteten Heilverfahren. Das hat sie komischerweise nicht davon abgehalten, hervorragend zu wirken.
III
Aber besitzt die Wissenschaft nicht augenscheinlich Vorteile gegenüber anderen, eben irrationalen Vorgehensweisen? Hat nicht die Menschheit stetig von den Errungenschaften der Wissenschaft profitiert? Was ist mit den unbestritten großen Entdeckungen und Erfindungen? Bemerkenswerterweise ist in dieser Hinsicht die Bilanz ebenso ernüchternd.
Zugegebenermaßen genießen wir heute Früchte des “wissenschaftlichen” Fortschritts. Aber ein prüfender Blick hinter die Kulissen entzaubert vieles. Mutige und respektlose Philosophen wie Thomas S. Kuhn, vor allem aber Paul Feyerabend, haben überzeugend gezeigt, daß sich die Errungenschaften der Wissenschaft eben nur einreihen in die anderer Traditionen des menschlichen Denkens.
Die grundlegendsten Kulturerfindungen stammen ausschließlich aus den Händen irrationaler, “mythologisierender” Gesellschaften - Feuer, Rad, Metallurgie, Töpferei, Pflanzenanbau und Viehzucht, Werkzeugtechnik usw. Grandiose Erkenntnisleistungen wie Himmelsbeobachtungen, Navigation, Kalenderberechnung, Volksheilkunde, Methoden spirituellen Wachstums gediehen außerhalb praxisferner, trockener und leerer Wissenschaftsprinzipien und jenseits der Universitäten. Selbst das, was wir für wissenschaftliche Ergebnisse halten, beispielsweise die Erfindung von Linsen und Teleskopen, stammt eindeutig aus der Handwerkstradition. Revolutionäre Durchbrüche der Neuzeit wurden meist nicht durch Befolgung wissenschaftstheoretischer Routinen, sondern durch unkonventionelles, “verrücktes” und unvernünftiges Vorgehen erzielt (siehe z.B. die gesamte moderne Quantenphysik). Außenseiter und Exzentriker der Wissenschaften, meist bekämpft, verlacht und ausgestoßen, bereicherten das Wissen ungeachtet des akademischen Betriebes (Bruno, Paracelsus, Galilei, Kopernikus, Darwin, Reich, Einstein, Bohr, Sheldrake u.a.).
Alternative Traditionen und Minderheiten (Schwarze, Indianer, Schamanen, traditionell lebende Chinesen und Japaner usw.) wurden von der Wissenschaftstradition belehrt, umerzogen, unterdrückt und mit allen Mitteln unter ihrem eigentlichen Niveau gehalten. Die Tatsache, daß diese Minderheiten in den westlichen Ländern heute meist vollen Zugang zur wissenschaftlichen Bildung besitzen, hat diese nicht davon abgehalten, ihrer eigenen Tradition, ihrem elementaren Volkswissen, ihrer überlieferten Medizin usw. mehr zu vertrauen als dem “intellektuellen Mist” (Feyerabend), der in Schulen, Oberschulen, Colleges, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen in ihre “ungebildeten” Köpfe getrichtert wurde. Die “Wissenschaften überwiegen heute nicht wegen ihrer Verdienste, sondern weil die ganze Show zu ihren Gunsten aufgezogen wird” (Feyerabend).
IV
Das Wort “Wissen” ist etymologisch eng verwandt mit “Sehen, Wahrnehmen” (ind. veda = Wissen, aber auch Geschautes, Offenbartes; lat. videre = sehen, wahrnehmen). Wissen ist das Ergebnis von gelebter Erfahrung, nicht das “vernünftige” Verknüpfen theoretischer Abstrakta. Hochreligionen verlieren heute zunehmend an Ausstrahlung, weil sie das Göttliche nicht mehr sinnlich erlebbar und erfahrbar machen, sondern nur noch belehrend und rationalisierend erklären (”Der weiße Mann geht in seine Kirche und hört Worte über Jesus; wir gehen in einen Wigwam und sprechen mit Jesus!” - Indianerwort). Das mag der Grund sein, daß mythologische Erzählungen Menschen viel tiefer erschüttern können als beispielsweise die Relativitätstheorie. Ein Mythos ist jahrtausendealte, poetisch kristallisierte Erfahrung.
Dieses, aus lebendiger Erfahrung stammende Wissen ist komplex, vielfältig, bunt, widersprüchlich, oft unlogisch und manchmal irrational. Das nimmt ihm nicht die Kraft - im Gegenteil! Menschen interessiert im Grunde nicht, ob spezielles Wissen nun vernünftig, rational, physikalisch, logisch oder metaphysisch ist. Es muß funktionieren! Brauchbar sein zum Arbeiten, Reparieren, Heilen, Lieben, Hexen, Genießen usw.
Menschen aller Bildungsstufen, Rassen und Klassen besitzen die klare Fähigkeit, auftretende Probleme zu beurteilen und sich mit ihrer Lösung zu befassen. Sie sind dazu weder zu dumm, noch brauchen sie intellektuelle Besserwisser und Möchtegern-Experten. Es ist ihr absolutes Recht, so zu leben wie sie wollen, zu schreiben, zu lesen, zu denken, zu arbeiten und sich zu vergnügen, was und wie sie auch immer wollen - unabhängig davon, ob diese Art und Weise mit einer einzigen Denk-Tradition der Menschheit, dem wissenschaftlichen Rationalismus übereinstimmt. Sie müssen ebenso das Recht haben, sich die Tradition auszuwählen, in der sie leben wollen und dementsprechend die dazugehörigen Erziehungs-, Bildungs-, Arbeits- und Therapiemethoden. Dies erfordert nichts geringeres als eine freie Gesellschaft. Welche Vorteile die Wissenschaft tatsächlich hat, kann sich nur in einem freien Wettstreit der Erkenntnistraditionen erweisen, nicht in der künstlich aufrechterhaltenen Übermacht einer einzigen Art und Weise, diese Welt zu sehen. Die Demokratisierung der Wissenschaft ist dringend nötig, nicht zugunsten der “akademischen Freiheit”, sondern der praktischen Lösung von Problemen auf diesem Planeten. “Es gibt keine Ideologie, die ganz allein das Geheimnis der Freiheit enthält” (Feyerabend). Der möglichst freie und geschützte (das ist die Rolle des Staates!) Austausch, die gegenseitige Befruchtung, der Wettstreit sind es, die den eigentlichen Fortschritt bringen. Ein Fortschritt, der nicht mehr nur sinnentleertes Prinzip ist, sondern den Menschen eine tatsächliche, praktische Verbesserung ihrer Lebensbedingungen bringt.
Literatur:
- Konz; Der große Gesundheits-Konz, München o.J.
- Coulter; Impfungen, der Großangriff auf Gehirn und Seele, München 1995
- P. Feyerabend; Erkenntnis für freie Menschen, Frankfurt/M. 1980
- P. Feyerabend; Wider den Methodenzwang, Frankfurt/M 1995
- P. Feyerabend; Irrwege der Vernunft, Frankfurt/M. 1990
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