Gedanken zum Widerstand
“Juni-Offensive - Lebe den Widerstand!” Diese faszinierende Aufforderung konnte man auf Plakaten lesen, die in meiner Heimatstadt zur Zeit des sogenannten G8-Gipfels in Heiligendamm reichlich aushingen. In der Tat hatten sich nicht nur aus Deutschland, sondern aus ganz Europa Zehntausende Leute aufgemacht, an einer demonstrativen Form dieses vorgeplanten Widerstands teilzunehmen.
Zwei Tage später sind die Demonstrationen verschwunden, die Aktionen beendet, die versuchten oder tatsächlichen Blockaden aufgehoben, die Stacheldraht-Verhaue und Zäune abgebaut, die “Radikalen”, “Anarchisten”, “Vermummten” und “Autonomen” wieder auf der Heimreise - auf den wüst zertrampelten Feldern und Wiesen kehrt ein Stück agronomischen Alltags ein. Der “schwarze Block” zieht die Szene-Klamotten aus und die von ganz gewöhnlichen Zivilcops wieder an. Das Zündeln und Aufrühren hat wieder mal Spaß gemacht. Die Widerstandstouristen ziehen weiter, die Fahnen und Transparente unterm Arm, zum nächsten Camp, zur nächsten Konferenz, zu irgendeinem der vielen möglichen Polit-Happenings und Spektakel. Was bleibt ist die Frage, ob diese Form von Widerstand wirklich lebendig, d.h. mit Leben gefüllt ist, ob es eine reale Möglichkeit der Verbindung von Widerstand und persönlichem Leben gibt und - ja - ob dies jenseits von linken und extremistischen Gewohnheitsparolen, die so sympathisch in unseren Ohren klingen, überhaupt sinnvoll ist.
Ich will hier keineswegs irgendetwas davon kleinreden oder kaputt dissoziieren. Eine erstaunliche und wunderbare Kraft geht von diesen Bildern aus, eine Kraft des Aufruhrs, der Rebellion, der völkischen Kraft in ihrem besten Sinn des Wortes. Erstrecht wenn es zur Sache geht, Steine fliegen, Molotows sich entflammen, Barrikaden aufgerichtet und Polizeiautos demoliert werden, wer kann sich dem entziehen. Hier werden Stellvertreter-Kriege ausgefochten für jene, die vor den Bildschirmen sitzen und jeder niedergeknüppelte und von Wasserwerfern getroffene Demonstrant weckt Mitgefühl und Empörung, jeder verletzte Büttel der Staatsmacht nur Schadenfreude und Verachtung. Und dann gibt es noch die braven Bürger, denen die aggressiven Bilder zu schaffen machen, unentwegt Angst und Unsicherheit und Gewalttätigkeit in die sowieso gespannten Nerven flößen - Entrüstete, deren Entrüstung sich verirrt und im weithin unverständlichen Austausch fragwürdiger Argumentationen nicht wieder zurückfindet. Ein Schlachtfeld der Ressentiments, von denen Nietzsche so wunderbar berichten konnte, ein Zirkus der territorialen Schaltkreise, die bei wechselseitigem Angriff und/oder Verteidigung vollends durchbrennen. Eine vielfarbige Bühne für Schwarz-Weiß-Seher. Zwei-Felder-Ball mit Festivalcharakter, mit Stars und Statisten, mit Schauspielern und Publikum.
Bilder, Bilder, immer wieder Bilder. Das nicht bildhafte Sein ist aus unserem Bewußtsein verschwunden. Der einzige brennende PKW der Gipfel-Proteste und darum die Meute der Journaille, die voll Gier und Zufriedenheit das bannt und weiter vermittelt, was sie sich vorher sehnlichst gewünscht hat. Greenpeace-Schlauchboote, die todesmutig in Sperrzonen eindringen und prompt von Polizeibooten rücksichtslos überfahren werden - Bilder von Helden, die wir alle auch gern sein wollen. Natürlich Bilder von den “Großen Acht”. Marionetten mit Masken. Die Acht war im Mittelalter das Symbol für die Ausgestoßenen, Verbannten und Aussätzigen. Armselige Arschlöcher in Acht und Bann, die ihr Leben der Lüge, der Manipulation und der Onanie der Macht verschrieben haben. Lächeln, Phrasen, Willensbekundungen für die Öffentlichkeit, die willig interessierte Welt, die nicht zum inneren Kreis Gehörigen, die Informationspipelines, die Nachrichter und Nachgerichteten. Und alle Augen richten sich in der Tat zwanghaft dorthin, wo sie sich richten sollen. Die Magie funktioniert trotzalledem, zweifellos.
Vermittlung, Vermittlung, immer nur Vermittlung. Zwischen mir und den Dingen, den Menschen, den Tat-Sachen - die selbsternannten und überaus geschickten Vermittler, die mich gnädig teilhaben lassen. Jenseits davon, das wirkliche Leben - geht weiter. Wenig beeindruckt, wenig beeinträchtigt, ohne wesentliche Blockaden. Die genetischen Programme pfeifen auf den ganzen Mumpitz. Die Sonne geht auf, Menschen haben Hunger, Winde wehen über neuen Wüsten. Der Sinn des Ganzen, des vollendeten Theaters geht gegen Null. Denn wir haben wieder nichts dazugelernt. Wir genießen die emotionale Befriedigung der Widerständigen, allerdings genau die Befriedigung, die uns in Häppchen zugeteilt wurde, damit die Bilder und ihre Vermittlung stimmen. Wir klopfen uns auf die Schulter, daß wir es denen wieder mal gegeben haben, aber jene haben es uns gegeben.
“Macht kaputt was euch kaputt macht”, ein schöner alter Sponti-Spruch vom guten alten Rio. Dumm nur, daß wir nichts weiter kaputt machen außer ein paar Sparkassen-Scheiben und Bierflaschen, die wir sorgfältig ausgetrunken haben, bevor wir sie gehorsamen Polizisten-Robotern auf den behelmten Schädel werfen. Es tut gut, die Affekte zu entladen. Es tut gut zu zeigen, daß da wer ist, der nicht einverstanden ist. Ich bin auch nicht einverstanden. Ich gehöre dazu; ich kämpfe also bin ich. Über das Dagegen-Sein definiere ich mein Sein. Es ist mein Opium, das süß durch meine Adern strömt. Es kettet mich an das, was ich verabscheue, bindet mich, laugt mich aus, macht mich schwach. So schwach wie sie mich haben wollen. Das System, daß ich ablehne, beherbergt mich weiterhin als dankbaren Widerständler, der ein Ziel, ein Dagegen vorgesetzt bekommt, das nicht sein Ziel und nicht sein Dafür ist.
Ein andere Parole des Widerstands: “Stellt euch vor, es ist Krieg und keiner geht hin.” Stellt euch doch mal vor, es ist G8-Gipfel und keiner geht hin. Keine Sau interessiert der Schein, niemand hört hin (worauf soll ich denn hören?), es ist keine Schlagzeile wert, erstrecht nicht meine heilige, kostbare, natürliche Energie, die ich nicht in den dreckigen, morbiden Schoß der Hure Politik ejakuliere. Mich interessieren die Bilder nicht, nicht was ich im Fernsehen sehe oder dort als Teil des Widerstands vielleicht zu sagen habe - zu sagen habe eben. Mir ist es egal, ob ich ins vorgefertigte Links-Rechts-Schema der Protestbewegung passe; sorgfältig entferne ich alle Etiketten von meinem Geist und meinen Zielen. Mir sind all die Diskussionen und Reden und Talk-Shows und Kommentare und Manifeste und Fahnen und Embleme und Flugblätter und Verlautbarungen egal. Ich möchte nicht von Mainstream-Medien interviewt werden und trete dort nicht auf. Ich habe keine Botschaft für andere. Egal ist mir dagegen nicht, was ich leben kann. Ich kann von Bildern nicht in meinem Hunger nach wirklichem Leben befriedigt werden. Was für eine Art Widerstand wäre das oder könnte daraus erwachsen? Darüber nachzudenken, würde sich lohnen. Denn wogegen ich bin, könnte ich sofort Punkt für Punkt auflisten. Aber wann habe ich das letzte Mal darüber nachgedacht, was ich gern möchte und wünsche, wofür es sich denn lohnen würde zu kämpfen? Nein, bitte nicht wieder Phrasen von der Weltrevolution und die große Gerechtigkeit für alle. Es gibt nicht nur visuelle Bilder, die wir aufsaugen, bis uns das Wasser im Maul zusammenläuft; es gibt auch rhetorische Bilder, farbig schillernde Wunschblasen, angefüllt mit nichts. Lassen wir sie zerplatzen, landen wir recht unsanft in einem undankbar konkreten Leben hier und jetzt - jeder in seinem. Wie sehr bin ich eigentlich abhängig vom Kapital, das ich so verabscheue und was kann ich tun, um diese Abhängigkeit zu verringern? Warum pflege ich stolz eine ganze Scheiß-Ideologie von Frieden, Gemeinschaft und Freiheit, drehe aber vollends durch, wenn sich die Begierde meines Freundes/meiner Freundin mal jemand anderem zuwendet? Warum gefällt mir all das schwachsinnige Gerede über Emissionshandel und Klimakonferenzen? Vielleicht weil ich dann nicht darüber nachdenken muß, wieviel fossile Brennstoffe ich selber verbrauche und warum ich das wie oft tue? Wenn mir die Pseudo-Demokratie am Arsch vorbeigeht, welche alternativen Strukturen jenseits medialer Öffentlichkeit wären denn möglich und zwar jetzt und nicht erst in der famos-kommunistischen Lieblingszukunftsutopie, die niemals kommt? Wo finde ich gleichgesinnte Menschen und was fange ich mit ihnen an? Warum träume ich so gern, aber handle nur selten? Was hindert mich daran? Und Dich?
Wieviele solcher Fragen wären möglich und mit welchen Konsequenzen geht eine ehrliche Beantwortung einher? Da ist weit mehr drin als das alte moralinsaure “Es fange jeder bei sich selber an …” Da sind Sprengstoff drin, Leidenschaft, Verbindung, Veränderung, Leben, Lust. Lassen wir das alte System beiseite, so gut es eben geht. Laßt uns nicht mehr ihren Tand abkaufen, sei dieser nun informell, rhetorisch oder materiell. Laßt uns nicht mehr danach gieren, dabei zu sein. Außerhalb des verrottenden Ganzen sprießen Prärien voller Möglichkeiten, doch wir sind immer noch mit dem Zählen jener Erbsen beschäftigt, die sie uns von ihren hohen Tischen zugeworfen haben. Solange wir nach der Speise der Mächtigen verlangen, brauchen wir uns nicht zu beschweren, wenn sie uns schlecht bekommt.
Soliton 91 schrieb:
Die Berichterstattung war ein hochauflösendes Surrogat. Ich liebe das Foto des brennenden Autos, ein einzelner vermummter Zündler und ca. 40 Fotografen in einer Linie die diesen sagenhaften Aufstand dokumentieren.
Veröffentlicht am 11. Juni 2007 um 10:25 | Permalink