Ethik der Ekstase

Gedanken zu einer vollkommenen Gesellschaft

© 2006 by Frank Cebulla

I

Der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen schrieb einmal „Der Geist der Wahrheit und der Geist der Freiheit sind die Pfeiler der Gesellschaft.“ Wie viele andere Zitate, in denen Worte wie Wahrheit, Freiheit oder obendrein Gerechtigkeit vorkommen, zaubert auch dieser Satz uns ein bedauerliches, ja fast zynisches Lächeln auf die Lippen. Wir sind es gewohnt, daß unverbesserliche Idealisten von ihren persönlichen Kategorien der Vollkommenheit reden, doch scheint es Kunde von einem fernen Stern zu sein – aufregend zwar und schön, aber von unserer täglichen Realität weit entfernt.

Seitdem die Menschheit einem einstigen Goldenen Zeitalter entwuchs, über das wir nur nebelhafte Vermutungen anstellen können, ringt sie um einen Traum, der sich immer wieder als Alptraum entpuppte: die ideale oder vollkommene Gesellschaftsordnung. Sie – die Menschheit – existiert als solche allerdings nur in soziologischen Phantasmagorien, die wir mit der Zeit gelernt haben, als unsere eigenen zu betrachten. Zu abstrakt erscheint dieser Begriff angesichts des wilden Konglomerats an menschlichem Sein auf dem Planeten Erde. Im Wechselspiel von Elite und Masse prägten ein paar Tausend Jahre lang wenige Individuen ihren Willen den Gemeinschaften, Stämmen, Völkern und Nationen auf und schufen dabei Strukturen, Hierarchien, Klassen, Kasten und ein beständig verfeinertes Netz von Regeln, Abhängigkeiten, Fallstricken und Machtsystemen. Dagegen erhoben sich die Unterdrückten, Sklaven standen auf, Revolutionäre fegten Altes hinweg und Schutt und Asche schien ein guter Nährboden für Neues und Unverbrauchtes zu sein, vor allem für Hoffnungen. Doch meist schon nach kurzer Zeit schmeckten die Früchte all dieser Rebellionen bitter und verfault, denn das überwunden Geglaubte war in neuen, verlockenden Gewändern wieder auferstanden und die Stasis des Unrechts setzte sich beharrlich fort. Lächerlicherweise schienen die Führer und Planer jeder neuen Gesellschaftsordnung davon überzeugt zu sein, die beste aller möglichen Formen des Zusammenlebens zu bieten (egal was für blutige Gemetzel, wieviel Leid, Armut und Tod aus ihrem Schoß erwuchs); daraus folgte zwangsläufig, daß es nie auch nur die geringste Notwendigkeit gab, an diesem andauernden „Idealzustand“ etwas zu ändern und diejenigen, die diese Veränderung nun wiederum auf ihre Fahnen schrieben, waren die neuen Feinde, Gesetzlosen, Radikalen usw. In diesen selbstgerecht schlechten Systemen existieren, wie Friedrich Nietzsche ganz richtig erkannte, für den einzelnen Menschen nur zwei Alternativen: voll und ganz Rad im Getriebe sein zu müssen oder unter die Räder zu kommen.(1)

So leben wir heute in einem gesellschaftlichen Paradoxon: Wir bekennen uns offen und gehorsam zur „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ des kapitalistischen Systems (auch wenn dieses System weder Freiheit noch Demokratie bietet), um nicht zu den Verlierern, Ketzern, politisch Aussätzigen und Terroristen zu gehören. Wir schwören heimlich auf den unabwendbaren Traum von der idealen Gesellschaft, auf die ultimative Utopie, auf den Heiligen Gral des Glücks, den Stein der Weisen einer gerechteren Zukunft für alle. Und wenn man uns Herz und Hirn gleichzeitig herausreißen würde, der Traum selbst bliebe bestehen …

 

II

Lassen wir alle Hoffnungen fahren – wohlgemerkt die Hoffnungen, nicht den Traum. Ich und Du – ja Du! – wir werden niemals zu den Mega-Kapitalisten gehören, nicht zu den Reichen, nicht zur angesagten Schickeria, nicht zu den Stars, den Models, den Bestsellern, den Direktoren, Präsidenten und Vorsitzenden, nicht mal zu deren Leibgarde und Stiefelleckern. Wir werden nicht im Lotto gewinnen und niemals in die Verlegenheit kommen, zu entscheiden, ob wir uns als nächstes eine Insel im Pazifik oder einen Claim auf dem Mond kaufen sollen. Hoffnungslos können wir endlich aufhören, wie die Hunde nach den Würsten zu schnappen, die man unerreichbar in die Krone der Bäume gehängt hat. Wir können anfangen zu leben.

Eine viel zu lange Zeit haben andere uns gesagt, was gut und richtig ist. Religionen und Ideologien, Utopien, Manifeste und Programme – und all die –ismen, die sich wie schimmelige Leichentücher immer gleich über den ganzen Planeten legen wollen – kehren menschliche Individuen wie lose Spreu zusammen und hauen sie in die vereinheitlichte Pfanne ihrer jeweiligen Kopfgeburt. Während intellektuelle oder einfach nur machtlüsterne Matrizen in das atmende Fleisch geprägt werden, verliert das gebrandmarkte Leben die Fähigkeit von innen heraus zu wachsen und zu gebären. Es bleibt nur Opfer und Leibspeise der Mächtigen, Heizmaterial für deren Öfen, benutztes und mißbrauchtes Sein ohne eigenen Sinn – nicht Baum, sondern Festmeter.

„Ohne Ideale kein Leben.“(2) Wenn wir also unserem Traum Gestalt verleihen und Leben einhauchen wollen, dann müssen wir ihn zwangsläufig aus einer fernen, kaum greifbaren Zukunft nach Hause holen. „Utopien können realisiert werden. Das Leben marschiert auf die Utopie zu. Und vielleicht beginnt ein neues Jahrhundert, ein Jahrhundert, in dem die Intellektuellen und die gebildeten Klassen von den Mitteln träumen, mit denen Utopien verhindert werden können und wie wir zu einer nicht utopischen Gesellschaft zurückkehren können, die weniger ‚vollkommen‘ ist und freier.“(3) In einer freien Gesellschaft leben Menschen ihren individuellen Traum von Vollkommenheit. Sie leben nicht die schattenhaften Sehnsüchte, die man ihnen fremdbestimmt eingeflößt hat wie einem hilflosen Baby die Kunstnahrung aus den bunten Gläschen der Lebensmittelkonzerne. Sie leben ebenso wenig das Jenseits, die Ferne, den Messias, das Versprechen und die Illusion. Freiheit ist dann nicht länger eines von vielen Schlagworten in Wahlkampfkampagnen, sondern das Wesen des Lebens selbst.(4) Über diese Freiheit gibt es nichts zu schwatzen und zu schwadronieren, weil sie sich automatisch selbst verkörpert, sobald die notwendigen Voraussetzungen dafür vorhanden sind. Ideologien und politische Kämpfe können niemanden befreien; wenn wir das immer noch nicht aus der Geschichte gelernt haben, sind wir Toren mit zerfressenen Zähnen, die dümmlich grinsend weiter Süßigkeiten lutschen.

 

III

In einer vollkommenen Gesellschaft, d.h. einer Form des Zusammenlebens, die nicht nur eine Episode in der Geschichte sein will, sondern ganz im Gegensatz dazu wesenhaft und zeitlos, tritt der Einzelne und damit die Gesellschaft als Ganzes aus der lügnerischen Unverrückbarkeit, aus der Stockung heraus und lebt die Freude des Wandels.
Die einzementierte Statik des Staates ist überwunden; aus Stasis wird Ekstasis.

„Wir wollen nicht die Verstaatlichung des Menschen, sondern die Vermenschlichung des Staates.“ forderte einst Pestalozzi. Doch weit darüber hinaus gilt es, den Anspruch des Staates gegenüber dem Anspruch des Lebens gänzlich abzuschaffen. Die Schwärze der Bestimmungen, Verordnungen und Gesetze auf weißem Papier weicht dem Grün der Natur, dem Blau des Himmels, dem Rot des Blutes und dem kompletten Spektrum von Träumen und Visionen. In diesem Rahmen besinnen sich Menschen leicht auf die ureigensten Prinzipien ihres Seins: Kommunikation, Austausch, Liebe, Sexualität, Kreativität, Spiritualität, Kunst, Erkenntnis, Neugier, Lebensfreude und Genuß. Die meisten heutigen Gesellschaften fordern in ihren Verfassungen ein System der Gleichheit des Menschen, während sie in der Praxis nur den offensichtlichen Gegensatz dessen verwirklichen. In dem Moment, wo die staatliche Hybris im Vergleich zur natürlichen Gewißheit des Lebens völlig an Bedeutung verloren hat, entsteht ein System, in dem im Allgemeinen und Wesentlichen alle gleich sind, im Besonderen und in der Verfeinerung aber Individualität hoch geschätzt wird. Entgegen unserem alltäglichen Verständnis von Vollkommenheit wird dieses offene System des natürlichen Menschen nicht ordentlich, nicht bürgerlich, nicht zentralistisch, nicht bürokratisch oder buchhalterisch korrekt sein, sondern eher chaotisch, bunt, vielfältig, regional und in stetiger kraftvoller Veränderung begriffen. Das vermeintlich unbezweifelbare Monstrum eines Uhrwerks aus Arbeit und Konsum (und sonst nichts), das nur „den Langweiligen und den Gelangweilten“(5) einen Sinn bieten kann, verschwindet wie ein urzeitliches Ungeheuer, dessen Zeit gekommen ist, weil es sich nicht mehr an die notwendigen und neuen Gegebenheiten des Lebens anpassen kann. Wieviel Jahrhunderte will man den Menschen noch weismachen, daß die Verausgabung ihrer Lebenskraft, die tägliche blutsaugende Plackerei für irgendwas oder irgendwen, die unablässige Politik der Ausplünderung, des Diebstahls, der Vernichtung und Zerstörung (z. B. unserer natürlichen Ressourcen) gottgewollt und einzig möglicher Lebenssinn sind? Und wie lange werden sich Menschen noch mit Almosen abspeisen lassen und mit Kinderkram, lächerlichen Spielzeugen und Ersatzbefriedigungen, die man ihnen gestattet für diese Almosen zu erwerben, zumal selbst dieser Erwerb wiederum nur dem allgegenwärtigen Dienst am Mammon untergeordnet ist? Wie lange wird es noch möglich sein, Menschen am Ausleben ihrer wunderbaren potentiellen Möglichkeiten zu hindern? Wäre nicht selbst der Tod süßer als die bis zum Himmel stinkende Scheißbrühe, die uns Tag für Tag eingeflößt wird?

Wenn wir in Übereinstimmung mit dem Philosophen Hermann Ulrici Vollkommenheit als die „Urkategorie der Ethik“(6) betrachten wollen, so kann zwangsläufig die vollkommene Gesellschaft in ihrem lebensfreundlichen Sein nicht durch Revolutionen, Kriege, Umstürze oder noch weniger durch politische Wahlen entstehen, sondern einzig und allein aus dem Geist und der Seele des Menschen selbst. Sie wächst auf der Grundlage einer völlig neuen Ethik, die den Menschen nicht wieder von außen mit den Mitteln der Gewalt zwangsweise anempfohlen wird, sondern aus seinem Inneren als Notwendigkeit und inständiges Bedürfnis entsteht – und zwar in einem sich stetig ausbreitenden morphogenetischen Feld, das am Anfang nur wenige einschließt, aber nach und nach die überwältigende Mehrheit der Gesellschaft erfaßt und unabwendbar mit dem Virus eines fruchtbaren Lebensverständnisses infiziert.

Ein solches Verständnis von Gesellschaft ist kein künstliches Produkt aus den Elfenbeintürmen von Wissenschaft und Philosophie, erstrecht nicht der politikwissenschaftlichen Fakultäten oder wirtschaftlichen Verbände und Institutionen. „Gerechtigkeit ist die Liebe mit sehenden Augen.“(7) Zugegebenermaßen sind wir heute in der lähmenden Statik unseres Seins von dieser sehenden Liebe noch weit entfernt. Fast scheint sie undenkbar zu sein, ein weiteres Phantom unter den schemenhaften Träumen der Menschheit. Aber Ek-Statik befand sich nie in den Abhängigkeiten und mühseligen Spinnennetzen des Denkens; eher war sie in den charmanten Randbezirken und Subkulturen, in den Biographien von Bohemiens und Lebenskünstlern, Aussteigern, Romantikern, Gartenbauern, Musikern und Himmelsstürmern zu finden. In ihrem Lebensmut, ihren leuchtenden Augen, ihren warmen Händen, aber ebenso in ihrem Verzweifeln und Scheitern gab es niemals die Frage nach dem Sinn von Freiheit und Ekstase. Es bedurfte keines Konzepts und keines Rezepts und keiner klugen Ratschläge. Es bedurfte nur der Liebe zum Leben.

 

IV

Indem zunehmend mehr Menschen die Ethik der Ekstase leben und atmen wie die tägliche Luft, entsteht global ein energetischer Fluß, dessen Windungen und Ufer zwar heute noch unbekannt sind, in dessen Strömungen sich aber so viele glückliche Seelen wie Delphine tummeln, daß ein träges Sitzen am Rande und bloßes Zusehen undenkbar erscheint. Die unmöglichen Zustände, die wir in unseren „modernen“ und „freien“ Gesellschaften so brav und angepaßt akzeptieren und durchleiden, müssen in der Vollkommenheit einer wirklichen, d.h. wirklichkeitsnahen Freiheit die Existenz von Ausnahmeerscheinungen und bizarren Abnormitäten annehmen. Die Verhältnisse kehren sich vollständig um. Menschen, die heute aufgrund ihrer Unangepaßtheit belächelt werden, gehören dann zum täglichen Erscheinungsbild und die große Masse, in ihrer unendlichen Gier nach dem nicht zu Fassenden, schrumpft zu ein paar Unverbesserlichen, deren Wille zur Macht angesichts der herrschenden Ethik der Nicht-Herrschaft machtlos bleibt.
Klingt das nicht wieder gefährlich nach Utopie? Natürlich tut es das. Doch gibt es keine Partei, die für diese Utopie ein politisches Programm aufstellt, keine Armee, die dafür kämpft, keine Kredite für deren Umsetzung, die bei wem auch immer aufgenommen werden könnten; es gibt lediglich das Leben selbst, das sich entweder durchsetzt oder versagt – bei Strafe des Untergangs.
Die Probleme, vor die sich diese vollkommene Gesellschaft gestellt sieht, sind dabei weder geringer noch harmloser. Es besteht die Not-Wendigkeit, viele Einzelfragen in fortdauernder Leidenschaft zum Leben zu klären und alte überkommene Strukturen endgültig zu verlassen. Doch ist es wichtig, nicht aus den Augen zu verlieren, daß die Ethik der Ekstase, wenn sie denn einmal eine Wohnstatt in der Seele des Menschen gefunden hat, das Primat beansprucht. Es ist noch wichtiger zu begreifen, daß diese Ethik keine neu aufgewärmte Moralsuppe, noch viel weniger eine Religion ist, sondern der Wahre Wille zu einem sinnvollen Leben an sich – nichts mehr und nichts weniger. Gebote, Verbote und Paragraphen reduzieren sich wie von selbst auf ein so fundamental geringes Maß, das man unter heutigen Bedingungen nur mit absolutem Wahnsinn gleichsetzen würde.

„Alle Entwicklung ist bis jetzt nichts weiter als ein Taumel von einem Irrtum in den andern.“(8) Bewußtheit, Wahrnehmung und Liebe zum Leben sind die besten Voraussetzungen, diesen verhängnisvollen Taumel zu beenden. Den Duft des ekstatischen Lebens kann man nicht in Drogerie-Supermärkten kaufen und nicht als Deo unter die Achseln sprühen. Er findet sich jedoch an den unscheinbarsten und bedeutungsvollsten Stellen – nach einer Liebesnacht auf unserer Haut, im Tau einer frischen Blüte, in der Kraft eines psychedelischen Pilzes, am Strand eines gewaltigen Meeres und in den Parks, Gärten und Werkstätten einer freien Gesellschaft.

Es bedarf nur eines Entschlusses. Ent-Schließe Dich. Jetzt.


Anmerkungen:
1 „Pfui! Ihr wollt in ein System hinein, wo man entweder Rad sein muß, voll und ganz, oder unter die Räder gerät!“ - Friedrich Nietzsche, Morgenröte, 1887, S. 166 [Zurück]
2 ein Satz des spanischen Dichters und Philosophen Ortega y Gasset [Zurück]
3 Nikolaj Berdjajew, zit. nach Marie Louise Berneri; Reise durch Utopia, Berlin 1982, S. 278 [Zurück]
4 „Er fügte hinzu, da das Wesen des Menschen in der Freiheit bestünde, könnte man sie ihm nicht wegnehmen, ohne ihn zu zerstören, und deshalb gebiete derjenige, der einem anderen die Freiheit nimmt, diesem stillschweigend, ohne sein Wesen zu existieren.“ Gabriel de Foigny, zit. nach Berneri, S. 183 [Zurück]
5 ein Zitat von Byron [Zurück]
6 H. Ulrici, Gott u. d. Nation, S. 601 [Zurück]
7 Friedrich Nietzsche [Zurück]
8 Henrik Ibsen [Zurück]

Bitte kommentieren Sie

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.