Scheint die Sonne auch für Nazis?
Nun hat sich 2007 zum zweiten Mal in meiner Heimatstadt Jena ein tragikomisches Ritual ereignet. Rechte aus ganz Europa sagen sich als ungeliebte Gäste an und veranstalten ein sogenanntes “Fest der Völker”. Daraufhin drehen schon Wochen vorher alle durch. Veranstaltungsverbote werden beantragt oder eingeklagt. Ohne Erfolg. Bürokratie. Stadtratssitzungen. Der Bürgermeister positioniert sich wie erwartet. Die linke Szene sammelt sich zum Widerstand. Die junge Gemeinde hat endlich wieder ein Ziel vor Augen. Außer Alkohol und Shit. Plakate. Plakate. Plakate. Graffiti. Zeitungsartikel. Interviews. Mobilmachung der Selbstgerechten. Der Tag der Veranstaltung kommt. Die Stadt im Belagerungszustand. Tausende Polizisten. Kreisende Hubschrauber. Burgen aus Bereitschaftswagen. Gesperrte Hauptverkehrsadern. Staus. Chaos. Sitzblockaden. Aufgelöste Sitzblockaden. Gegendemonstranten. Familien mit ihren Kindern, die dem Antifa-Aufruf gefolgt sind. Betroffenheit überall. Transparente. Bilder. Mittendrin die Rechten, mühsam von der Polizei geschützt. Die meisten von ihnen finden nicht mal zum Versammlungsort. Kein Strom für ihre Bands, das Aggregat ist irgendwo steckengeblieben. Keine Ahnung, was die da wirklich treiben wollen. Überall in der Stadt eine Parole auf gelbem Papier:
Scheint die Sonne auch für Nazis?
Eine ganze Stadt einträchtig gegen die Rechten? Wohl kaum, trotz medialer Massenkampagne kommen nur ein paar Hundert Leute zur Demo. Immer dieselben. Der harte Kern sowieso. Mitläufer. Omas, Rentner, die sich noch ans Dritte Reich erinnern können. Aufgeklärte Familienmütter und -väter, die vor ihren Kindern Zivilcourage beweisen wollen. Jugendliche vor allem.
Den meisten geht das ganze Theater am Arsch vorbei. Ausnahmsweise zu Recht.
Scheint die Sonne auch für Nazis?
Antwort: Natürlich nicht. Die Sonne scheint nur für gute Menschen. Nazis sind böse. Also scheint die Sonne nicht für sie.
“Jena gehört uns.” lese ich irgendwo. Ach ja? Wer sind eigentlich “uns”? Und wem gehört dann Jena eigentlich nicht? Wer hat dort nichts zu suchen? Und warum?
Das Gutmenschentum lauert überall. Es hängt mir zum Halse raus. Wir sind die Guten, die OK-Leute, die mit der richtigen Meinung, der richtigen Einstellung, der richtigen Moral, überhaupt die Richtigen. Da wo wir sind, ist das Gute per se, da gibt es keinen Schatten, keine Fehler, keine Falschheit. Wir treten auf, wir machen das Maul auf und wir haben Recht. Punkt.
Die Bösen sind immer die anderen. Die Nazis sowieso, Terroristen, Rassisten, Staatsfeinde, Feinde der öffentlichen Moral, der Konvention, der Medien, der Wahrheit. Die Wahrheit steht immer auf unserer Seite. Automatisch. Ohne Begründung. Ohne Argument. Gute Menschen brauchen das Böse wie der Vampir das Blut. Ohne das Böse sind sie ganz bleich und schwach. Sie haben dann keine Rechtfertigung zum Leben. Kein Kampf. Kein Krieg. Keiner da, dem ich eins auf die Schnauze hauen kann. Keine Fresse, in die ich reinschlagen kann, weil ich Recht habe und der andere nicht. Es gibt nur ein einziges Recht und es steht immer auf meiner Seite. Zwischentöne gibt es nicht. Schwarz oder Weiß. Du mußt dich entscheiden. Wenn du nicht für uns bist, bist du gegen uns. Kein Antifa? Also auch ein Nazi. Da haben wir´s. Die Sonne darf um alles in der Welt nicht für Nazis scheinen. Da wäre irgendwas faul. Nur ich bin wertvoll genug für ihr Licht. Die/der Andere ist Abschaum, ein Nichts, ein Untermensch, mein Feind.
Scheint die Sonne auch für Nazis?
Antwort: Ja, leider. Wir hätten ja gern, daß die Sonne nur für uns scheint. Momentan scheint das nicht möglich zu sein. Wir sollten darüber nachdenken, wie wir das ändern können.
Was machen wir mit den Nazis? Nazis sind überall. Die Medien zeigen sie uns. Sie nennen sie uns mit Namen. Ihre Parteien, Vereine und Organisationen. Sie zeigen uns die lohnenswerten Ziele für unseren selbstgerechten Haß. Ziele für unsere Ohnmacht, unsere Dummheit und Verlogenheit. Unsere Heuchelei.
Weg mit ihnen! Raus aus der Stadt sowieso. Egal wohin, hier jedenfalls nicht. In den Knast, in die Umerziehung, ins Arbeitslager, in das Nichts. Die Logik liegt nahe. Ungeliebte Mitbürger. Schwarze Schafe. Prügelknaben. Was ihnen zustößt, haben sie sowieso selbst verschuldet. Die Demonstranten skandieren: Wir sind friedlich, was seid ihr? Die Friedlichen blockieren, demonstrieren, schreien, schimpfen, rempeln, rangeln, hauen drauf. Die haben das doch so gewollt. Was wollen die überhaupt hier?
Es gibt viele ungeliebte Menschen um mich herum. Menschen, die mir nicht in den Kram passen. Die etwas anderes wollen als ich. Die etwas anderes denken als ich. Das macht mir Angst. Man muß sie bekämpfen. Gleichrichten. Damit sie so sind wie ich. Die ethnischen Säuberungen in Bosnien. Die mentale Säuberung hier. Nazis haben kein Existenzrecht. Ich lege fest, wer hier ein Existenzrecht hat und wer nicht. Wer Jude ist, bestimme ich. Soll mal irgendein hochrangiger Nazi im Dritten Reich gesagt haben.
Scheint die Sonne auch für Nazis?
Antwort: Auf jeden Fall. Die Sonne ist gut, Nazis sind gut. Im Grunde scheint die Sonne nur für sie.
Die Party der Rechten ist genausowenig ein “Fest der Völker” wie Albert Einstein mein Großvater ist. Mediale Manipulation hier wie dort. Ehrlichkeit scheint nur ein Wort zu sein. Nichtssagend. Kaum der Rede wert. Wichtiger sind die Statements. Die korrekten Meinungen. Angepaßt ans gesellschaftliche Bild oder ans gesellschaftliche Gegenbild. Schwarz oder Weiß. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Alle können uns mal. Wir genießen es, die Bösen zu sein. Immer noch besser als nichts zu sein. Nichts wert.
Nazis fallen nicht vom Himmel. Sie werden nicht als solche geboren, so wie die Gutmenschen als Töchter und Söhne von Pfarrern, Politikern, Ärzten und Intellektuellen geboren werden. Ihr Weg ist ein Weg wie jeder andere. Angefüllt mit Schlamassel. Keine Moneten, keine Bildung, keine Ziele, keine Liebe. Geschlossene Jugendclubs. Kein Geld für Kinder. Alkohol. Selbsthaß, der in Haß umschlägt. Sehnsucht nach Ordnung, nach Sinn, nach Gemeinschaft, nach Heimat. Nazis fallen nicht vom Himmel. Sie sind halt da. Mir gefallen ihre Meinungen nicht, aber es gibt noch viel Schlimmeres was mir nicht gefällt. Komischerweise regt sich darüber niemand auf.
Sie sind halt da und man kann sie sich nicht wegdenken. Wegwünschen. Wegradieren. Dialog, Kommunikation, Verständnis scheinen Fremdwörter zu sein. Solange zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Solange die Jugend sich untereinander schlägt, schlägt sie nicht diejenigen, die sich an ihrer Dummheit bereichern. Teile und herrsche.
Scheint die Sonne auch für Nazis?
Antwort: Die Sonne scheint für alle Menschen gleichermaßen. Sie macht keine Unterschiede.
Eure Scheinheiligkeit steht mir bis oben. Die Zeitungen und Sender tönen “Nazi”, also rennt ihr auf die Straße. Schleppt eure Kinder mit, um ihnen die “Bösen” zu zeigen, die es sich lohnt zu hassen. Vor siebzig Jahren seid ihr auf die Straße gerannt, um mit dem Finger auf die Juden zu zeigen, auf die Zigeuner, die Homosexuellen, die “entarteten” Künstler. Was man euch sagt, macht ihr. Gehorsame Schafe. Dumm wie Bohnenstroh. Die neuen Rechten, gegen die ihr demonstriert, sind genauso fehlgeleitet und manipuliert wie ihr. In fünfzig oder hundert Jahren werdet ihr gegen die Moslems demonstrieren, ihr werdet vielleicht gegen zu viel Ausländer protestieren oder zu wenig Ausländer, Sitzblockaden gegen Kinderschänder, gegen die grünen Männchen vom Mars oder gegen sonstwen. Hauptsache es paßt ins politisch korrekte Bild. Das Ziel für euren lächerlichen Volkszorn werdet ihr auch dann vorgesetzt bekommen. Für etwas anderes hättet ihr sowieso nicht den Mumm. Für eine echte Rebellion wärt ihr sowieso zu feige. Warum sitzt ihr nicht auf der Straße, wenn die CIA Geheimgefängnisse in Europa betreibt wie weiland die Gestapo? Wenn “Terrorverdächtige” in Lagern interniert werden sollen? Wenn der deutsche BND in libanesischen Folterhöllen Geständnisse erpreßt? Wenn in Guantanamo Häftlinge “experimentellen Verhörmethoden” unterworfen werden? Warum macht ihr keine Demo, wenn Abermillionen für Tornado-Flüge zum Fenster rausgeworfen werden, für die Schulbücher eurer Kinder aber kein Geld da ist? Wo ist euer Protest? Euer Protest gegen den Abhörstaat, gegen die Abzocke, den Ausverkauf unseres Landes, die Profite wider aller Menschlichkeit? Warum interessieren euch 500000 irakische Kinder, die durch die “Intervention” unserer besten Freunde qualvoll verreckt sind, einen Scheißdreck? Die sogenannten Nazis, die ihr mit dem Weihwasser eurer Scheinmoral bekämpfen wollt, sind eure eigenen Kinder. Sie sind in euren Familien aufgewachsen. Sie haben sich lange genug eure Lügen und eure falsche Selbstgerechtigkeit anhören müssen. Bis sie die Schnauze voll hatten. Von euch und euren heiligen Bekenntnissen. Die intakten neudeutschen Familien, hinter deren Fassaden in Wirklichkeit die Hölle los ist. Um euch herum ersteht schon seit Jahren klammheimlich die wahre Diktatur, eine neue Form von Faschismus, von Unmenschlichkeit und Unterdrückung. Und ihr demonstriert gegen eure eigenen Kinder, die euch satt haben. Wie armselig. Eure Dummheit stinkt zum Himmel. Irgendwann, wenn es soweit ist, die Zeit für den nächsten einträglichen Krieg gekommen ist, werden sie euch wieder antreten lassen. Zum Verheizen. Wer weiß, wer dann der Feind ist. Welche Parolen dann ausgegeben werden. Welche Schlagworte. Ihr habt keine Ahnung, wer euer wahrer Feind ist und schlagt euch mutig an die Brust, um gegen ein paar jämmerliche uniformierte Fratzen und Glatzköpfe in den Kampf zu ziehen. Wie armselig.
Scheint die Sonne auch für Nazis?
Antwort: Die Sonne scheint für überhaupt niemanden. Sie scheint einfach. Punkt.
Wenn die Sonne ein Ziel für ihre Strahlen bräuchte, würde ich ihr das Innere der mit Dummheit gesättigten Köpfe empfehlen. Gleichgültig ob diese Köpfe Irokesenschnitt, Ottonormalfrisur oder Glatze tragen.
Kralle schrieb:
Dressierte Affen veranstalten Affentheater…
Veröffentlicht am 17. September 2007 um 15:19 | Permalink
FC schrieb:
Na ja, vielleicht ist das ein bißchen zu einfach. Es gibt sicher viele Leute, die an diesen merkwürdigen Protestaktionen mit einem ehrlichen Gefühl teilnehmen. Ein Gefühl, etwas tun, etwas verhindern, sich irgendwie äußern zu müssen. Aber die eigentliche Motivation ist - wie so häufig - Angst. Die Leute werden immer auf der Angstschiene gepackt und mobilisiert, ob nun Klimakatastrophe, Terrorismus, Neonazis, Arbeitslosigkeit, Kriminalität usw. Hat aber jemand Angst, dann läßt er sich prima manipulieren, genau in die Richtung, in der man ihn haben will. Mir persönlich ist anarchistische Freiheit allemal lieber als ein überzogener Nationalismus. Aber das heißt nichtsdestotrotz, daß es noch mehr Sichtweisen, Meinungen, Positionen, Weltanschauungen, Überzeugungen und Paradigmen gibt als nur zwei - dafür oder dagegen.
Die Emotionen, die hochkommen, sind allerdings typisch für den “Planet der domestizierten Primaten”. Ganz nach den Schaltkreisen Learys und Wilsons: Territorialkonflikte, semantischer Krieg und sozio-sexuelles Drama.
Veröffentlicht am 17. September 2007 um 18:28 | Permalink
Kralle schrieb:
Zur Angst als Triebfeder kommt die Moral von “gut und böse” als mentale Rechtfertigung hinzu. Werte und Maßstäbe, die mit Nachdruck über die Meinungsmache durch Politiker und Medien vermittelt werden, verselbstständigen sich in der Mentalität des Volkes, bis kaum jemand mehr auf die Idee kommt, diese anzuzweifeln. Deshalb ist mir, bei allem Respekt vor diesem “Einsatz”, ein aufgeweckter, unabhängiger und kritisch-rebellischer Geist wesentlich sympathischer als dieser hochmanipulierte Gutmenschen-Pathos.
Veröffentlicht am 17. September 2007 um 20:33 | Permalink
Soliton 91 schrieb:
Puh… und Hallo…
Was soll ich da noch zu sagen? Vielleicht, daß gerade zurück bin aus der Wildnis, 4 Tage Natur pur… da ist alles soooo weit weg. Wenn man damit beschäftigt ist, sich am Leben zu erhalten und für Essen zu sorgen, sich Ausrüstung zu bauen, Steine in den Fluss zu werfen und einfach nur den Bienen zuzuhören, weil es nichts anderes gibt was ein Geräusch machen könnte, und dann kommt man zurück und liest Nachrichten… dann kommt einem das ziemlich merkwürdig vor. Um nicht zu sagen unverständlich…
This world needs Kurkuma!
Sol91
P.S. Man hat die Sonne für mich gescheint!
Veröffentlicht am 18. September 2007 um 20:11 | Permalink
Kralle schrieb:
Hoi!
Du sprichst mir aus der Seele, Sol91 - auch ich lebe in relativ engem Kontakt zur Natur, bin täglich etliche Stunden mit einem Hund oder alleine unterwegs - Stunden, in denen mir niemand begegnet, außer Vögel und verschiedene Waldtiere. Nebenbei sammle ich allerlei Essbares, lausche dem Wind und atme Freiheit. Aus diesem Lebensgefühl heraus bekommen die Dinge, und hier allen voran jene alltäglichen, politischen Querelen eine andere Bedeutung.
Ein Irrenhaus *lach*.
Die Sonne des Geistes scheint immer, es sind nur die Rauchwolken aus trüben Gedanken und Gefühlen, die ihre Strahlen abschirmen. Deshalb macht es Sinn, sich ein klares Lächeln (oder eben auch ein boshaftes Grinsen) in diesen Bereichen zu bewahren und sein Inneres damit gegen die Flut an frustrierender und begrenzender Desinformation zu immunisieren.
Veröffentlicht am 19. September 2007 um 09:02 | Permalink