Die Realität als Gefängnis

Zum Verbot von Salvia divinorum ab März 2008 in Deutschland

Salvia divinorum, auch als Zauber- oder Wahrsagersalbei bekannt, ist in Deutschland am 15. Februar 2008 nach Beschluss des Bundesrates in die Anlage I des Betäubungsmittelgesetzes aufgenommen worden. Nach Veröffentlichung der 21. Betäubungsmittelrechts-Änderungsverordnung darf ab sofort diese Pflanze und entsprechende Pflanzenteile in Deutschland nicht mehr angeboten und nur noch im Ausnahmefall angepflanzt werden! Darüber hinaus ist davon auszugehen, daß auch Besitz und privater Konsum von Zaubersalbei nun strafbar geworden ist, wenngleich sich schon hier die (nicht nur juristischen) Geister scheiden werden. Denn vermutlich stellt die Tatsache, in einem Land der Europäischen Union etwas zu verbieten, was in anderen Ländern der Gemeinschaft absolut legal ist, eine recht problematische Angelegenheit dar.
Das ursprüngliche Ansinnen des Betäubungsmittelgesetzes war es, Substanzen zu kontrollieren oder zu verbieten, die eine Gefährdung für die Gesundheit darstellen, eine Abhängigkeit hervorrufen oder für die ein nicht vertretbares Ausmaß des Mißbrauchs zu verzeichnen ist (siehe § 1 BtMG). “Doch all diese Kriterien sind wie aus der Antwort der Bundesregierung auf die parlamentarische Anfrage der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen hervorgeht, nicht erfüllt. Die Bundesregierung kann keine Zahlen zur Verbreitung von Zaubersalbei in Deutschland nennen, spricht aber davon, dass wissenschaftliche Studien aufgrund der sehr geringen Konsumentenzahl kaum durchführbar seien. Der Bundesregierung liegen auch keinerlei Erkenntnisse über von Zaubersalbei abhängige Konsumenten vor. Sie kann keinen einzigen Schadensfall benennen, der im Zusammenhang mit dem Konsum von Zaubersalbei jemals in Deutschland aufgetreten ist.” (Deutscher Hanf Verband / 07.08.2007)
Damit dürfte ziemlich eindeutig klar sein, daß das Verbot auf etwas völlig anderes zielt. Denn schließlich ist z.B. der millionenfache Mißbrauch von Psychopharmaka und anderer zugelassener Arzneimittel auch nicht strafbar. Aber über die insgesamt völlig verfehlte “Drogenpolitik” ist im Netz genug und überzeugend geschrieben worden, sodaß wir uns eine Wiederholung hier sparen können. Die Verlogenheit, Heuchelei und fehlende Stichhaltigkeit der offiziellen Argumentation (die gar keine ist) ist so offensichtlich, daß es schon der letzte Depp mitkriegt. Doch das Arschlöcher-Imperium hat nun einmal wieder zugeschlagen und die Frage nach dem eigentlichen Sinn des Verbots darf nicht aus den Augen verloren werden.
Salvia macht nicht abhängig und hat praktisch keine schädlichen körperlichen Auswirkungen. Doch wer schon einmal Zaubersalbei zu sich genommen hat, weiß, daß dies ein nicht immer wohliges Unterfangen mit zum Teil grotesken Auswirkungen ist. Wir haben hier beileibe keine Partydroge, die dem “Abheben” der Wochenend-Fun-Generation dient. Vielmehr scheint sich tatsächlich ein Fenster in der gewohnten alltäglichen Realität zu öffnen und einen Blick freizugeben auf, ja auf was eigentlich? Andere Konsumenten berichten übereinstimmend von Erfahrungen der Entkörperlichung - das Bewußtsein verläßt den Körper und bewegt sich eigenständig umher. Wir haben hier Phänomene, die von der primitiven materialistischen “Wissenschaft” selbsternannter “Experten” als irrational, illusionär und esoterisch abgetan werden. Und doch wird jeder, der einmal ernsthaft mit psychedelischen Pflanzen und Substanzen experimentiert hat, die unbestreitbare Wirklichkeit dieser “anderen” Realitäten nicht leugnen wollen.
Damit befinden wir uns überraschenderweise in der gleichen Lage wie die Gnostiker des frühen Mittelalters, die bekanntlich den Anspruch dieser Welt als alleiniger und einzig wahrer Realität bestritten. Ihrer Meinung nach war “die Welt” von einem Demiurgen wie ein Gefängnis geschaffen worden (heute würde man vielleicht von einem Feldversuch in einem Terrarium sprechen). Dieser Demiurg besitzt demzufolge ein elementares Interesse, daß die von ihm kontrollierten Geschöpfe keinen blassen Schimmer davon bekommen, was außerhalb des Gefängnisses noch ist und sein kann. Der Geschmack der anderen Realitäten könnte sie dazu verleiten, ihre Unfreiheit und Manipulation zu erkennen und aus dem Gefängnis ausbrechen zu wollen. Filme wie Matrix, ExistenZ, Dark City oder Truman Show zeigen, daß diese gnostischen Gedanken sich derzeit einer erfolgreichen Wiederbelebung erfreuen und weite Verbreitung in der Bevölkerung erlangen. Aus diesem Grund gibt es wohl auch immer mehr Psychonauten, die nicht zuletzt psychedelische Substanzen und Pflanzen dazu verwenden, das Tor zu anderen Realitäten aufzustoßen. Gleichzeitig nimmt der Drang der Herrschenden, jegliche (offenbar ganz natürliche) Neigung der Menschen zu rauschhaftem Genuß und Veränderung ihres Bewußtseins zu unterdrücken, zu. Dies zeigen die teilweise faschistoiden Auswüchse des Drucks auf ganz gewöhnliche Tabakkonsumenten, wie sie derzeit in fast allen westlich orientierten Gesellschaften zu beobachten sind, ziemlich deutlich. Bedingt das eine das andere? Haben wir auf der einen Seite das immer stärker werdende Bedürfnis der Menschen, aus einer tristen, sklavenhaften und gleichschaltenden Realität abzuhauen und auf der anderen Seite den notwendigerweise immer größer werdenden Zwang der Sklavenhalter, sie in dieser verhaßten Realität festzuhalten?
Wir sollten uns daran erinnern, daß im Frühmittelalter das Establishment auszog, die Gnostiker kurzerhand auszurotten. Unter dem fragwürdigen Banner von heiligen Kreuzzügen gegen Katharer, Albigenser und andere gnostisch dominierte Gesellschaften wurde damals ein Völkermord an mehr als einer Million Menschen verübt! Ganze Gegenden entvölkert und verwüstet, Frauen und Kinder massakriert - wir reden hier nicht über einen der x-beliebigen kleinen Religionskriege der Geschichte. Wenn sie schon damals so eine grandiose Angst vor diesen merkwürdig faszinierenden Gedanken hatten, so viel Angst, daß sie ein gewaltiges Heer aufboten, um die Träger dieser Gedanken vollständig von der Erde zu tilgen, wieviel mehr Angst müssen sie heute haben, wo ein solcher Völkermord nicht mehr so einfach und ohne Umstände durchführbar ist? Und zu welchen Maßnahmen wird diese Angst sie dann noch treiben? Ganz abgesehen davon, daß man die heutigen Träger des gnostischen Gedankenguts nicht mehr so einfach identifizieren könnte, denn seine Verbreitung hat sich längst von der Religion gelöst und durchzieht sämtliche gesellschaftlichen Schichten. Damit wäre auch erklärt, warum im modernen Überwachungsstaat potentiell jeder Terrorist, Nazi, Junkie, Kinderschänder, Steuerhinterzieher oder was weiß ich nicht noch alles ist und dementsprechend kontrolliert und beobachtet werden muß. Die entsprechenden Gesetze und Handhabungen dazu sind entweder schon beschlossen oder bereits auf dem Weg …

Tröstlich im Falle der alten heiligen Pflanze der Mazateken ist die Tatsache, daß Informationen zu Salvia divinorum weiterhin jedem Interessierten zur Verfügung stehen und nicht unterdrückt werden können. Klar ist auch, daß jeder, der Zaubersalbei konsumieren möchte, dies kann - ob nun legal oder illegal, wen interessiert’s. Notfalls wird er sich auf den Weg nach Holland, Österreich oder in die Schweiz machen. Die Dummheit und Angst der herrschenden Macht, die doch zu gern auch noch unseren letzten Seelenwinkel in ihren kalten Händen hätte, führt zu immer mehr Verboten und Tabus und diese führen zu immer größerem Interesse und einer magischen Anziehung.

Regeln sind dazu da gebrochen zu werden, das begreift schon jedes dreijährige Kind.
Gesetze, die Natur illegalisieren, sind selbst illegal.


 

Kommentare (3) zu “Die Realität als Gefängnis”

  1. Soliton 91 schrieb:

    Würd mich mal interessieren, welcher Pharmariese da Lobbyarbeit geleistet hat…

  2. FC schrieb:

    Die formalen Aktivitäten gingen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte aus, die 2007 einen Antrag einreichten, Salvia als verschreibungspflichtiges Arzneimittel zu deklarieren. Da Salvia aber faktisch therapeutisch überhaupt nicht angewendet wird, wurde dieser Antrag abgelehnt, die Pflanze stattdessen aber dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt.
    Warum denkst Du, daß da die Pharmaindustrie ein spezielles Interesse hat, Salvia aus dem Verkehr zu ziehen?

  3. Soliton 91 schrieb:

    Alternativen ausmerzen.

    :-)

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