Ein Hort der Zukunft und Erziehung …

Endlich ist mal wieder was passiert! Endlich mal keine langweiligen Politiksenioren mit noch langweiligeren Statements und verhärmten Leidensmienen (Oh Gott, die Finanzkrise!), keine platten Ergebnisse von Ausschußsitzungen, keine überflüssigen Gesetzentwürfe oder gar Fehltritte von Prominenten … Nein, endlich mal wieder ein richtiger Amoklauf! Die Medien überschlagen sich und schicken ganze Mannschaften von Journalisten, Fotografen, Rechercheuren und Fernseh-Teams los. 15 Tote und der Selbstmord des Amokläufers - das verspricht Sensationen, Einschaltquoten, steigende Verkaufszahlen, passend dazu die entsprechenden Werbeeinnahmen (wie wäre es mit Werbung für Sportgewehre oder für Ritalin? So ähnlich wie Adidas bei Sportwettkämpfen…), Schlagzeilen, Interviews, Titelstorys, Psychologen, Staatsanwälte, Wissenschaftler, Statistiker, Kriminologen, Bildungspolitiker… Man stellt sich unwillkürlich die Frage, was die alle sonst so machen, wenn es mal keinen Amoklauf gibt. Für Tim K. (jeder kennt den Nachnamen, das Klingelschild in Keramik am Elternhaus ist zigmal abgelichtet und im Internet veröffentlicht worden, aber das K bleibt ein K…) hat es sich gelohnt, ein Abgang wie er im Buche steht. Ziel erreicht, Bürschchen, könnte man sagen - auch wenn du es nicht mehr miterleben kannst, ausgemalt hast du es dir bestimmt vorher tausendmal. Und jetzt haben dir noch alle dabei geholfen, ein Held zu werden. Winnenden, wow! Ein Kaff, nach dem kein Hahn krähte, hat nun “traurige Berühmtheit erlangt” und “geht in die Geschichte ein”. Besser es passiert ein Massaker als daß überhaupt nichts passiert…
In den Talk-Shows die Experten (wer sonst, zu allem und jedem gibt es passende Experten). Händeringend, mit todernsten blassen Gesichtern präsentieren sie ihre Analysen. Immer fällt dabei das Wort “unerklärlich” und fortwährend erklären sie dennoch das Unerklärliche. Das müssen sie ja auch, denn dafür sind sie da, das ist ihre einzige Daseinsberechtigung. Wenn sie nichts erklären würden, wären sie dämlich, man müßte sie entlassen und sie könnten kein Geld mehr verdienen und keine neuen Studien anfertigen. Man stelle sich all die arbeitslosen Experten vor, die jetzt Hartz IV beantragen müßten. Was für eine Tragödie. Die Ergebnisse dieser selbstredend objektiven Analysen ähneln sich allerdings erstaunlich. Egal welche Zeitung man aufschlägt, welchen Sender man einschaltet, welches Nachrichtenmagazin man im Internet besucht - irgendwie bringen alle die selben Fakten (die an einem Tag unumstößlich sind und bereits am nächsten Tag wieder angezweifelt werden), haben alle ähnliche Meinungen, kommen alle zu Schlußfolgerungen, die sich wie ein Ei dem anderen gleichen. Niemand scheint das aufzufallen. Medienpluralismus, dessen Plural ein Singular ist.
Im Großen und Ganzen werden uns vier Ursachen - offen oder unterschwellig - präsentiert: Krankheit, Killerspiele, Pornografie, Internet.
Punkt eins - die Krankheit: Klar ist, wer 15 Menschen einfach so am hellichten Tag hinrichtet, muß krank sein. Also war Tim K. krank. Depressiv, in psychotherapeutischer Behandlung, in Therapie und/oder Beratung an einem Klinikum. So ist der Täter hübsch vom gesunden Rest der Gesellschaft, der sich schnell auf der Seite der Opfer einnistet, abgegrenzt. Er hat im Grunde mit uns nichts zu tun, mit den Rechtschaffenen, Fleißigen, Ehrlichen, Gerechten und Frommen. Dabei ist sein Totschlagskonto eigentlich recht dürftig. Viel hat er nicht gerade zustande gebracht. Nach einer Studie der renommierten John-Hopkins-Universität in den USA hat der noch immer andauernde Irakkrieg bisher 650.000 Irakern das Leben gekostet. Ist das jetzt ein Mega-Amoklauf? Ein Massaker? Ein Völkermord? Nein, natürlich nicht. Töten dort Depressive und Geisteskranke, die dringend einer psychiatrischen Behandlung bedürfen? Aber keineswegs. Dort sind die Demokraten am Morden, die für Frieden und Freiheit kämpfen und nur schnell mal einen Tyrannen beseitigen wollten. Hunderttausende getöteter Zivilisten betrachten diese Gesunden als “Kollateralschaden” oder wie es eine amerikanische Außenministerin einmal so treffend ausgedrückt hat als “seinen Preis wert”. Um Gottes Willen, speicheln da die Experten los, das sind zwei verschiedene Stiefel, das kann man nicht miteinander vergleichen, das hat nichts miteinander zu tun. Und wenn es doch etwas miteinander zu tun hat?
Punkt zwei - die Killerspiele: Allen Ernstes wird als “Ergebnis der Ermittlungen” verkündet, daß Tim K. am Abend vor seinem Amoklauf zwei Stunden ein einschlägiges Computerspiel gespielt hat. Irgendwie logisch, finden Sie nicht auch? Man spielt abends ein bißchen Töten am Computer, schnappt sich am nächsten Morgen die Knarre vom Alten und geht los, um es mal in der Realität zu versuchen. Das würde doch jeder machen. “Killerspiele gefährden die jugendliche Psyche” heißt es da und vermutlich tun sie das auch. Deswegen fordern besonders konservative Politiker gern, die Spiele zu verbieten. Okay, einverstanden, dann würde ich vorschlagen, als erstes den amerikanischen Kriegsminister zu verbieten. Sein Ministerium ist gerade dabei, mit einem Millionen-Etat den Military-Shooter “America’s Army” übers Internet kostenlos an Hunderttausende Minderjährige zu verteilen. Die spielen das gewalttätige Spiel am Abend und rennen am nächsten Morgen in die Schule, um ein paar unschuldige Lehrerinnen zu killen. Als Ersatz für islamische Terroristen gewissermaßen. Also weg damit. Da ungefähr 80 - 90% aller männlichen Jugendlichen einen Shooter auf ihrem PC haben, sollte man die auch gleich mit verbieten oder das männliche Geschlecht insgesamt abschaffen oder wenigstens diese schreckliche Aggressivität rauszüchten, wie es die Feministinnen fordern (die selber ausgesprochen friedliebend sind, versteht sich). Dazu mal zur Abwechslung zwei Meinungen von Jugendlichen aus einem Internet-Forum: “Erst wenn das letzte Computerspiel indiziert, die letzte LAN geschlossen und das Internet verboten ist, werden auch die Politiker merken, dass Eltern ihre Kinder immer noch selber erziehen müssen.” und “Unsere Groß- und auch Urgroßeltern haben halb Europa in Schutt und Asche gelegt, ohne dass auch nur ein Computerspiel in der Nähe war”. Süß nicht wahr! Was die so für unbequeme Meinungen in ihrem Alter haben. Sollte man nicht die Foren gleich mit verbieten? Ja und das größte Killerspiel überhaupt: das Fernsehen. Nette Statistiken teilen uns mit, daß ein 18-jähriger Amerikaner ungefähr 32000 Morde im Fernsehen gesehen hat. Europäische Jugendliche lassen sich da bestimmt auch nicht lumpen. Sorry, aber unser gesamtes Entertainment besteht aus Mord, Totschlag, Grauen und Horror. Lassen wir es uns also vor der Flimmerkiste gut gehen und seien wir dankbar, daß Tim K. nicht all die Morde in die Tat umsetzen wollte, die er von klein auf mit angesehen hat oder ansehen mußte. Bei so viel Anregungen aus der Erwachsenenwelt müssen wir ein paar Amokläufe schon einplanen. Schließlich kann man auch nicht baden ohne dabei naß zu werden, oder? Was allerdings keineswegs verboten werden sollte, sind Waffen. Leute, das ist doch nur ein Sport! Sonst wissen all die armen Sportschützen, die Dutzende von Knarren zu Hause im Keller neben den Ananasbüchsen rumliegen haben, nichts mehr mit ihrer Freizeit anzufangen, werden depressiv oder gar aggressiv und laufen dann Amok … Als der kranke Robert in Erfurt Amok lief, hat man auf Druck der Öffentlichkeit das waffenfähige Alter auf 21 Jahre hoch gesetzt. Was man dagegen nicht in den Medien lesen kann (jetzt wäre doch eine gute Gelegenheit dafür), unser geschätzter Innenminister Herr Schäuble (ja der Stasi-Typ, der uns alle am liebsten etikettieren und rund um die Uhr überwachen möchte, quasi als potentielle Amokläufer) hat zwischendurch schon mal wieder klammheimlich versucht, diese Altersgrenze wieder auf 18 Jahre herabzusetzen. Man höre und staune … ist das nicht irgendwie komisch? Da scheint mir irgendwas nicht recht zusammen zu passen. Ach und Waffen gibts ja sowieso überall, da haben wir doch schließlich alle unser Geld dafür ausgegeben. Deutschland hat im Vorjahr schlappe 28,4 Milliarden Euro Steuergelder in Waffen investiert und ist gleichzeitig drittgrößter Waffenexporteur der Welt. Na ja, ok, soviel wie für Banken (480 Milliarden Euro) geben wir da nicht aus, aber immerhin. 2,1 Milliarden für den Ausbau der Kinderbetreuung dagegen ist doch auch nicht schlecht, das kommt wahrscheinlich gleich hinter den Fördergeldern für Schützenvereine. Oder stattliche 9 Millionen Euro im Bundeshaushalt 2008 für “Maßnahmen zur Verbesserung der Berufsorientierung”. Ist doch rausgeschmissenes Geld, die Jugend will doch sowieso nichts arbeiten - da kaufen wir lieber noch ein paar Waffen dafür ein … Deutlicher kann eine Gesellschaft den Heranwachsenden nicht zeigen, wo die Prioritäten liegen.
Punkt drei - die Pornografie: Na klar, die erstrecht. Die darf nicht fehlen. Auf dem Computer des Amokläufers wurden Pornobilder entdeckt. Ja, denken Sie nur. Unglaublich, was es nicht alles gibt! Mehrere Agenturen haben das übereinstimmend gemeldet, also muß etwas dran sein. Was die damit sagen wollten? Tja, weiß ich auch nicht so recht. Vielleicht daß Mörder und Amokläufer gleichzeitig an Sex interessiert sind oder wie? Oder daß normale Jugendliche keine sexuelle Neugier oder Triebe besitzen, sondern stattdessen jeden Tag Vaterunser und AveMarias beten. Oder daß diejenigen, die sich Pornografie ansehen aus diesem Grund zu gefährlichen Gewalttaten tendieren. Oder wie jetzt? Irgendwie komme ich da durcheinander oder habe ich etwas verpaßt? Also da haben wir auf der einen Seite die pubertierenden Jugendlichen, die aber gar nicht pubertieren, sondern erst an ihrem 18. Geburtstag schlagartig geschlechtsreif werden, wo sie dann Pornografie ansehen und vor allem kaufen können, aber dadurch nicht mehr zu Tötungsmaschinen werden. So ähnlich wie auf der anderen Seite jener Bundestagsabgeordnete (kein Jugendlicher und nicht in der Pubertät), der nur Mitglied eines Kinderporno-Rings wurde, um im Rahmen seiner Abgeordnetentätigkeit im einschlägigen Milieu zu ermitteln. Leute, seht doch mal, total harmlos war der! Oder die Priester, die ihren Ministranten den Heiligen Geist in den jugendlichen Arsch blasen, will jemand behaupten, daß die gefährlich sind? Wahrscheinlich sind die Ministranten viel gefährlicher, denn die haben bestimmt trotz Heiliger Messe einen Ego-Shooter auf ihrem Computer. Also laßt die Alten in Ruhe und verknackt die Jugend. Amen.
Punkt vier - das Internet: Oh da haben wir ganz schlimme Sachen. Das Netz! Ein Hort des Grauens. Foren, in denen sich Kinder und Jugendliche über ihre Lehrer austauschen und vom Stapel lassen, welche total beknackt sind oder einen Riß in der Birne haben. Denen sollte man doch sofort das Handwerk legen! Nein nicht den Lehrern, den Schülern natürlich. Unentwegt wird sich da ausgetauscht, statt gelähmt und stupide vor der Glotze zu sitzen. Das muß doch gefährlich sein. Kommunikation = Verschwörung. Gegen die Schule, die Erwachsenen, die Gesellschaft, den Staat, gegen alle friedliebenden Menschen auf diesem Planeten. Das kann ihnen jeder gesunde Geheimdienst erklären. Können die nicht einfach mal mit dem Bundestrojaner etwas schneller sein, damit der Herr Schäuble (Gott möge ihn segnen) schneller mitkriegt, wenn da was ausgebrütet wird? Und überhaupt, woher nehmen denn diese Internetjugendlichen die Zeit? Haben die nichts Besseres zu tun als immer nur vor dem PC zu sitzen und miteinander zu schätten oder wie das heißt? Sie könnten doch zum Beispiel Spenden sammeln für den ortsansässigen Schützenverein oder Kirchenchor? Oder ihren Lehrern Blumen bringen oder einfach ein paar Hausaufgaben mehr machen. Irgendwas wird uns doch wohl einfallen, die ganze potentielle Brut von Gewalttätern zu beschäftigen, damit die nicht auf böse Gedanken kommen. Für freie und demokratisch gesinnte Bürger wären in diesem Zusammenhang ein paar läppische zusätzliche Maßnahmen kein Problem: Handy-Überwachung, Mobilitätsprofile, Kameras im öffentlichen Raum, Biometrie im Paß, E-Mails scannen, Telekommunikation speichern, elektronische Gesundheitskarte (vergeßt die Depressionen nicht!), genetischer Fingerabdruck, Aufhebung des Bankgeheimnisses. Also das sollte uns unsere Sicherheit schon wert sein. Und da das Internet gleichzeitig auch noch ein Hort von Pornografie ist - da ergeben sich ungeahnte synergistische Überschneidungen: pornografische Amokläufer, die sich in Internetforen austauschen / geile Online-Killerspiele-Spieler, die virtuell Amok laufen / kommunizierende Pornografen, die in Killerspielen ihren Amoklauf trainieren / trainierende Killer, die im Internet masturbieren - na ja, ein einziger Haufen Kranker eben … Wozu man das Internet überhaupt braucht, ist jedem über 60 sowieso nicht ganz klar.
Alles paletti jetzt? Müßte eigentlich, oder?
Komischerweise fallen mir bei diesen Schulmassakern immer ganz blöde Sachen ein, die überhaupt nichts damit zu tun haben, kann ich auch nichts dafür. Zum Beispiel der allgegenwärtige Bildungsknast, in den unsere Kinder so früh wie es nur irgend geht, gesteckt werden. Schon Kleinkinder dürfen in Kindergärten nicht einfach mehr spielen und dabei reifen und wachsen - nee, das reicht heutzutage nicht mehr. Die müssen gefordert werden, Leistung zeigen, Sprachen lernen, die werden überwacht, kontrolliert, vermessen, geprüft und unter wissenschaftlicher Anleitung getestet. Von Experten, versteht sich. Das nennt man dann Frühförderung. Wer da nicht mithalten kann, muß ganz besonders geknechtet werden. Bis er ganz meschugge ist. In der Schule gehts dann weiter. Eine Freundin hat mir neulich erzählt, daß ihre 7-jährige Tochter in der ersten Klasse einer Schule in Jena eine zweistündige Mathe-Klausur schreiben mußte. Dazu wurden die Kinder im Speisesaal der Schule voneinander separiert (wer abschreibt, ist im Grunde kriminell), es gab Dutzende Aufgaben abzuarbeiten und über 90 Punkte zu erreichen und wer nach zwei Stunden immer noch nicht fertig war, durfte im Klassenzimmer weiter schreiben. Wahrscheinlich bis sie/er einen Gehirnschaden davon getragen hatte. Ist das jetzt Unterricht, Bildung, Leistungsförderung oder schlicht Terror? Sind hier die Kinder krank oder die Lehrer? Da fällt mir auch mein eigener Sohn ein, der zur sogenannten 0. Stunde früh halb sieben in die Schule trabt und nachmittag um vier immer noch nicht fertig ist. Und nach seiner Bildungsschicht weitere Lernaufgaben, Projekte, Hausarbeiten, Vorträge und Selbststudien absolvieren darf. Ein Fließbandjob bei VW ist Urlaub dagegen. Die dahinter stehende Philosophie ist die eines Zwangsarbeitslagers. Die, die jahrelang durchhalten, bekommen die Chance der Entlassung - die anderen gehen sang- und klanglos vor die Hunde, seelisch und immer öfter auch physisch. Alles nur zum Besten unserer Jugend, versteht sich. Ohne Vektorberechnungen und Integralen findet sich mein Sohn im Leben ja auch nicht zurecht. Die müssen schon frühzeitig lernen wo die Harke hängt, soviel ist klar. Im Sportunterricht haben die übrigens seit mehreren Jahren nur zwei Sportarten: Federball und Volleyball, immer abwechselnd jeweils ein halbes Jahr. Nichts sonst. Ist das jetzt einfach nur Fantasielosigkeit der Lehrer oder absichtliche Zermürbung jugendlichen Elans? Das Kind meiner letzten Lebensgefährtin “lernte” dagegen Basketball. Da mußte man zehn Runden im Kreis rennen und wenn man bei jeder Runde den Korb traf, bekam man volle Punktzahl. Leider verzichtete der Sportlehrer darauf vorzuführen, ob er dieser Leistung eines Profi-Basketballers auch fähig wäre. Na ja, vielleicht kam es auch nur darauf an, den Kindern möglichst bald zu zeigen, daß sie Versager sind. Versager neigen übrigens dazu, sich Erfolge bei Computerspielen zu gönnen und den Rest kennen Sie ja (siehe oben). Daß Tim K. schon ein halbes Jahr nicht mehr an seiner Schule weilte und trotzdem zum Töten genau dorthin zurückkehrte, ist übrigens reiner Zufall. Lehrer, Mitschüler und die Verhältnisse insgesamt an deutschen Schulen haben damit rein gar nichts zu tun. Weswegen das auch in den Medien nicht diskutiert werden muß. Punkt. Eine Gesellschaftsordnung, die die in ihr lebenden Menschen lediglich als “Verbraucher”, “Steuerzahler” und “Konsumenten” betrachtet und die “Stärkung der Binnennachfrage” als Ziel für die nächste Zukunft formuliert, trägt selbstredend keinerlei Schuld daran, wenn die Jugend, die per se ein Interesse an Veränderung, Erneuerung, Kommunikation, Visionen und Utopien hat, vollkommen durchknallt.
Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) nannte es “gemein”, die Schule als “Ort der Zukunft und Erziehung so zu zerstören”. Mir kommen gleich die Tränen. Vielen Hunderttausend Schülern an Schulen, in denen ihre Jugend systematisch und wissenschaftlich fundiert zerstört wird, wahrscheinlich ebenso. Ein passendes Zitat von einer Studentin aus einem Internet-Forum: “Ich bin ja nun auch schon ein paar Jahre aus der Schule heraus, kenne aber dennoch gut meine eigene Schulzeit. Ich möchte nicht ins Detail gehen, nur soviel: Ich habe die Hölle in den schillernsten Farben erlebt, und ich müsste lügen, hätte ich nicht daran gedacht, meine Probleme einfach aus der Welt zu schaffen.” Mit aus der Welt schaffen meinte sie den Freitod. “Vor ein Paar Monaten hat sich hier in Berlin ein Schüler eines Gymnasiums in der Badewanne durch Elektroschock selbst getötet. Da er sonst niemanden mitnahm, kam er auch nicht in die Presse. Jedes Jahr fügen sich zigtausende Jugendliche hierzulande selbst Schäden zu (sog. Ritzen, exzessiver Alkoholkonsum usw. usf.), nur um die Aufmerksamkeit einer Gesellschaft zu erheischen denen sie nicht nur vollkommen egal geworden sind, sondern allzu häufig als direkter Ballast gelten.” Eine andere Aussage ebenfalls aus einem Forum. Die Lösung für solche gefährdeten Schüler ist schon in Sicht. Das Schulsystem verändern? Nee, wieso denn? Dort ist doch alles genauso wie man es haben will. Stattdessen ist ein Computerprogramm in der Entwicklung, ein sogenanntes “Dynamisches Risiko-Analyse-System”, mit dessen Hilfe potentielle Amokläufer ermittelt werden sollen. Dabei gleicht das Programm Informationen über auffällige Schüler mit den Daten von realen Amokläufen ab. Ermittelt wird dabei wie weit ein potentieller Täter noch vom tatsächlichen Amoklauf entfernt ist. Ja, Sie haben richtig gelesen. Einfach und einleuchtend. Wir betrachten unsere eigenen Kinder alle als potentielle Amokläufer oder Selbstmörder. Dann bespitzeln und überwachen wir sie laufend, um den kleinsten Hinweis zu bekommen, wann es soweit ist und sie endgültig durchdrehen. Oder wie es im Internet dazu heißt: “Erst baut man den zunehmenden Druck auf den Schüler auf und dann wartet man förmlich darauf, dass einzelne Schüler ihr Versagen dann nicht etwa im stillen Selbstmord kundtun, sondern im Amoklauf. Stattdessen hätte man ja auch das Konzept ‘Schule’ verändern können und mehr auf die Stimmungen und Entwicklungen der Schüler eingehen können.” Letzteres ist nun wirklich etwas viel verlangt. Was mich nun allerdings schlußendlich interessieren würde, ist folgendes: Was passiert mit den dynamischen Risiko-Jugendlichen, die man dank eines von Experten entwickelten Computerspiels herausgefischt hat? Es gibt da mehrere Möglichkeiten. Erstens, sie werden für krank erklärt, aus dem Zwangsarbeitslager aussortiert und in die Klapse gebracht. Zweitens, sie bekommen ein paar Präparate eines namhaften Pharmaherstellers eingetrichtert, bis sie nicht mehr wissen, wie sie heißen, geschweige denn sich daran erinnern können, was sie eigentlich mal wollten. Drittens, sie werden als potentielle Killer selber gekillt. Das ist die sicherste Methode. Ist doch sowieso nur kranker Abschaum und in ein paar Monaten hätten sie sowieso selber jemanden umgebracht. Ob nun sich selbst oder andere ist doch egal. Man könnte das als eine Form von Hygiene im Bildungssystems betrachten. Als vorbeugende Maßnahme. Die Entarteten und Kranken werden dabei frühzeitig erkannt und aus unserem herrlichen System eliminiert. Herzlichen Glückwunsch. Damit die Jugendlichen dabei nicht auch noch auf die Idee kommen, Pornografie zu konsumieren, sollte man den übriggebliebenen Rest sterilisieren oder deren Sexualtrieb pharmazeutisch unterdrücken. Am besten mit einem zwangsweise eingeflößten Tee in der Mittagspause. Hat nicht irgendein gesunder Experte oder Wissenschaftler Lust dafür ein “Konzept” oder ein “Computerprogramm” zu entwickeln? Lehrer könnten dann gelegentlich am PC trainieren, gefährdete Jugendliche aus der Ferne mit einer Pumpgun zu eliminieren …



Quellen:
http://www.itsyours.info/untergrundzeitung/2006/12/killerspiele_vs.html
http://www.insidesupcom.de/showthread.php?t=15003
http://blog.beck.de/2009/03/11/deutschland-trauert-nach-erfurt-nun-winnenden
http://c-hofmann.blogspot.com/2009/09/schutz-vor-amoklaufen-in-der-schule.html

 

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