Du sollst nicht …
Nach fast zweitausend Jahren Christentum haben wir die “Du sollst nicht …”-Appelle schon ziemlich verinnerlicht. Ich meine nicht die speziellen zehn Gebote des Christentums, sondern die Art des fast täglichen Appells an die moralische Vernunft des Individuums. Es handelt sich dabei immer um ein Verbot. Niemals um eine Bitte, einen Wunsch, einen Ratschlag vielleicht oder eine Empfehlung. Die Gesetzestexte sind eindeutig. Die Vorgabe ist ein Imperativ und diejenigen, die sie aussprechen, sind scheinbar erhaben über jede Art von Fehlbarkeit. Ich denke dabei nicht unbedingt an die sowieso scheinheilige christliche Klerikerbande, sondern vor allem an die Angehörigen der herrschenden Klassen in dieser Gesellschaft.
Der Staat, die Justiz, die Politik, die bildenden Institutionen, Arbeitgeber und Konzernmanager - sie alle werden nicht müde, uns aufzufordern: nicht zu lügen, nicht zu stehlen, ein rechtschaffenes Leben zu führen, fleißig zu arbeiten, Schulden zurückzuzahlen, niemandem etwas zuleide zu tun usw. usw. Und natürlich stimmen wir diesen ehrenwerten Damen und Herren zu, wäre und ist es doch eine angenehme und positive Art sein Leben auf diese Weise zu gestalten.
Doch muß ich jedesmal, wenn ich diese Moralpredigten in verschiedensten Ausprägungen aus den Medien heraushöre, darüber nachdenken, ob hier nicht die Wölfe den Schafen ihre Bravheit verordnen und zwar aus einem ganz eigennützigen wölfischen Interesse.
Während also der einfache Mensch der Straße aufgrund seines meist ehrlichen Charakters sich bemüht, rechtschaffen und anständig durchs Leben zu gehen und - das darf man keineswegs vergessen - für jede, auch noch so kleinste Verfehlung gnadenlos verfolgt und abgestraft wird, während man auch den letzten Cent bei ihm eintreibt und keineswegs bereit ist, auch nur über zehn Minuten hinwegzusehen, gehen die selbsternannten Moralapostel ganz anders durch ihr Leben: sie lügen, betrügen und bestehlen das Volk wo immer sie können und in einem Maßstab, der jeder Beschreibung spottet, sie sind so ehrlos und korrupt wie niemand sonst, sie prassen und vergeuden, sie müssen ihr Geld nicht mit ihrer Hände Arbeit verdienen, sie verspielen die Zukunft unserer Kinder, sie zögern nicht, Kriege zu führen, Menschen verhungern zu lassen, zu foltern und zu töten, wenn es ihren Zwecken und vor allem ihrem Profit dient.
Sie besitzen nicht die geringsten Skrupel, ihre Machtgier zu befriedigen und reden täglich UNS die Skrupel ein. DAS sind die Leute mit dem erhobenen Zeigefinger …
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