Vesta und Pales
Eine mythologische Kaperfahrt auf den Spuren der feurigen Kunst
© 2004 by Frank Cebulla
„Das Feuer aber entzieht sich jeder Teilung.“
Boethius[1]
ERSTER AKT
in dem wir den sicheren Hafen verlassen, um Freibeuter auf dem Meere der Mythen zu werden, wenig betrübt durch die klagenden Gebärden der Daheimgebliebenen
Dieses Universum ist angefüllt mit Göttinnen und Göttern. Ihre Vielzahl spottet jeder Beschreibung; ihre Namen sind Legion; ihre Symbole, Attribute und Eigenschaften so dicht und reich wie die Flora des Dschungels. Seitdem der Mensch über das Wesen der Götter nachsinnt, hat sich dieses Wesen in ein spektrales, facettenreiches Alles-und-Nichts verwandelt – derjenige, der die Begriffe ‚Gott‘ und ‚Göttin‘ in den Mund nimmt, kaut nicht selten darauf herum wie auf einem alten, zähen Priem, versäumt dabei aber regelmäßig hinzuzusetzen, was er denn eigentlich darunter versteht. So glauben denn die meisten von der gleichen Sache zu reden und meinen doch gänzlich Unterschiedenes, meistens ein Konglomerat aus Historie, religiöser Literatur und ein wenig Philosophie – ganz nach dem jeweiligen Zeitgeschmack.
„Unter Gott versteht man … allgemein ein unsterbliches, übernatürliches und mit großer Macht ausgestattetes Wesen …“[2] Leider falsch, denn in den meisten Mythologien sind die Götter nicht unsterblich (jedenfalls nicht in dieser Welt) und das Übernatürliche macht nur Sinn, wenn man sich auf eine gemeinsame Vorstellung von Natur verständigt, ein rein illusorisches Unterfangen. Und woher oder von wem bekam dieses fabelhafte Wesen seine Macht? Aaah, unsere Segel werden vom aufkommenden Winde gebläht, denn die Unsicherheiten und unbehaglichen Gefühle sind die Vorboten neuer Länder und versunkener Schätze … Aber halt, vor uns liegt noch die säuberliche Insel der Wissenschaft, an deren Strand die Buchhalter und Krämer die Sandkörner zählen und in hübsche Muster ordnen: Etymologien, Stammbäume, archäologische Funde, antike Textstellen, anthropologische Beobachtungen der „Wilden“. Sie sind die Bauchladenverkäufer ewiger Wahrheiten, denn alles scheint bereits untersucht, kategorisiert und erklärt worden zu sein. Die Göttin Vesta? Kein Problem: Da gibt es doch Herodot, die römischen Festkalendarien, die Abbildungen auf Münzen und die Standbilder, die Tempelruine in Rom, die Kultberichte und Mythenforschungen. Ein paar kontroverse Meinungen, ein wenig Disput und akademisches Gerassel als Gewürz dazu und schon verflüchtigt sich jeder Zweifel, denn: so und nicht anders muß es einst gewesen sein, hol die Segel ein, lausche unserem Gesang und wiege dich in Sicherheit … Doch hatten wir nicht vor, ferne, noch unbekannte Länder zu erkunden und unter der schwarzen Flagge zu segeln? So laßt uns Wachs in die Ohren stopfen wie einstmals Odysseus‘ Freunde und die vertrockneten Krümel, die vom Altar der Universitäten herabfallen, ausschlagen. Wir suchen schließlich nichts Geringeres als das Feuer in unseren Herzen zu entfachen und so ruft das Geschrei um „gesicherte Erkenntnisse“ nur ein freches Grinsen auf unseren Gesichtern hervor. Eine Sonderration Rum an die Mannschaft …
Nun – endlich frei – rauschen wir auf dem offenen Ozean der Mythen dahin und alle Horizonte sind verschwunden; ein Gott/eine Göttin kann alles sein: Kulturgründer, Heros, Außerirdische(r), legendäre(r) König(in), Ahne, Demiurg, Geist, Dämon, All, Liebe, Haß, Schicksal, Energie, Biochemie, Trieb, Seele, Formel, Spiegel, Archetyp, Bild, Legende, Kindermärchen, Euphemismus, ein Furz unseres Gehirns oder einfach gar nichts. Wir werfen einen Blick zurück und sehen die Insel der Wissenschaft im Meer versinken; sie wird von der spiegelnd leuchtenden Fläche der Mythen verschluckt und ist jetzt ein Mythos unter vielen. Es gibt nichts zu bereuen. Indem der Ozean als Quelle allen Lebens gilt, folgen wir nur unserer Bestimmung – selbst Mythos und Bild und eine treibende Alge auf den unermeßlichen Tiefen, in die nur wenige je einen schaudernden Blick wagten. Und da wir Freibeuter sind, brauchen wir uns keine Gedanken zu machen um Tugend und Moral, denn wahre Freiheit benötigt solche Krücken nicht und auf einmal haben wir eine Ahnung, was Feuer sein könnte und wir erinnern uns an den Zweck unserer Fahrt: Vesta und Pales, zwei gute alte Bekannte, deren Freundschaft uns in den Wirren und Abenteuern von Raum und Zeit leider verlorengegangen ist …
ZWEITER AKT
in dem wir ungeduldig einige bekannte Gefilde erkunden und nach Brauchbarem fahnden,
guten Mutes, aber ohne die Illusion der Erleuchtung
Kommt man zu den Gestaden eines Landes und fragt seine Bewohner nach ihrer Geschichte und Kultur, so bekommt man diese Informationen in einer ganz bestimmten Version zu hören – der Version der Sieger. Im Falle von Vesta und Pales sind die Sieger zuerst die Antike, allen voran das Römische Reich und später das offizielle Kirchenchristentum.[3] Was wir heute über die beiden Götter in den Lexika der Mythologie lesen können und in vielen, oft gleichlautenden Beschreibungen unter die Nase gerieben bekommen, ist durch die römische und nachfolgend römisch-christliche Epoche geprägt worden. Sehen wir uns trotzdem an, mit welchen Almosen man uns abspeisen will:
Vesta erscheint in der Regel als Göttin des Staatsherdes, dessen heiliges Feuer in ihrem Tempel (lat. aedes Vestae) auf dem Forum Romanum am Fuße des Palatin[4] niemals ausgehen durfte. Dieses Feuer wurde von den Vestalinnen gehütet, jungfräulichen Priesterinnen (amatae), die im Alter zwischen 6 und 10 Jahren in den Tempel eintraten und der Göttin 30 Jahre dienten. Ihr Wohnhaus war das Atrium der Vesta, das sich in unmittelbarer Nähe des Tempels befand. Das heilige Feuer wurde einmal im Jahr rituell neu entzündet und zwar am römischen Neujahrstag, dem 1. März. Ließ eine Vestalin das Feuer im Laufe des Jahres erlöschen, wurde sie mit Geißeln geschlagen, übertrat sie das Gebot der Keuschheit, mußte sie damit rechnen, lebendig begraben zu werden. Trotz dieser martialischen Strafen waren die Vestalinnen hoch angesehen und der Kult offensichtlich enorm wichtig für das Wohlergehen der Stadt und des ganzen Reiches. Ursprünglich gab es keine Abbilder der Göttin; erst relativ spät taucht sie auf steinernen Reliefs und Münzen auf, weshalb man annimmt, daß das Feuer selbst die Göttin darstellte oder sie symbolisch repräsentierte. Täglich wurden Speiseopfer mit einfachen Nahrungsmitteln und rituelle Reinigungen vollzogen, für die die Vestalinnen Wasser aus dem Quell der Egeria in Krügen auf dem Kopf herbeitrugen. Bis auf einen Raum (penus Vestae), gewissermaßen dem Allerheiligsten, der nur den Priesterinnen zugänglich war, konnte der Tempel den ganzen Tag über betreten werden. Des Nachts war Männern der Zugang verboten. Jährlich zwischen dem 7. und 15. Juni beging man die Festtage der Vestalia und am Höhepunkt, dem 9. Juni[5], war angeblich das Allerheiligste geöffnet. Um dieses innerste Heiligtum ranken sich allerlei Mutmaßungen, sowohl was Größe und Ausgestaltung anbetrifft als auch den Inhalt desselben. Übereinstimmend wird dabei beteuert, man hätte dort das Palladium aufbewahrt, wobei jedoch niemand richtig sagen kann, was dieses Palladium eigentlich war. Da antike Historiker von einem Standbild der Pallas Athene im Tempel der Vesta berichten, hat sich nach und nach die Auffassung durchgesetzt, es würde sich beim Palladium um genau dieses Standbild handeln. Auf römischen Münzen kann man Vesta sehen, wie sie ein kleines Abbild oder eine Figur in der erhobenen Hand hält.
Offenbar gab es eine direkte Beziehung der Vesta zum privaten Herd jeden Hauses, ja es wird behauptet, daß die Neujahrssitte des Feueranzündens in jedem einzelnen Haus durch eine Fackel aus dem Tempel der Vesta bewerkstelligt wurde. Dies erscheint bei einer großen Stadt wie Rom allerdings doch eher unwahrscheinlich oder verweist auf einen ursprünglich älteren Brauch. Da der Vesta-Kult so eng mit Gedeih und Verderb der Stadt Rom verquickt war und weibliche Götter im Bewußtsein der Sieger weniger Gewicht einnehmen als männliche Politik und Machtstreben, hat man die Vesta und ihr Feuer mit Stadtgründungs- und Zivilisationskulten in Verbindung gebracht. Denn in „der heutigen Forschung wird der Mythos als rituelle Wiederholung von Urereignissen gedeutet, als erzählerische Aufarbeitung menschlicher Urängste und –hoffnungen“[6]. Es mußte also ein reales Geschehen als Ursprung gefunden werden. So soll Vesta höchstpersönlich ihr erstes Feuer für die Stadtgründung Lavinium des aus Troja zurückgekehrten Aeneas entzündet haben. An diese historische „Tradition“ anknüpfend mußte immer dann, wenn irgendwo eine neue Stadt gegründet wurde, das zentrale Feuer der Vesta in einer Prozession dorthin getragen werden. Man könnte daraus einen noch älteren Brauch ableiten, daß Mütter (als Hüterinnen des Herdes) ihren Töchtern bei deren Heirat eine Fackel ihres Herdfeuers mitgaben, damit diese ihren eigenen Hausstand eröffnen konnten.[7] Zumindest für das antike Griechenland scheint diese Sitte belegt zu sein, sowohl was den privaten als auch den politischen Aspekt betrifft.[8] In Zeiten einer beliebten Gräcisierung fielen die Gemeinsamkeiten zwischen Vesta und der griechischen Hestia auf, weswegen diese beiden Göttinnen oft gleichgesetzt wurden.
Das ist eigentlich schon alles …
Mit diesem Wissen ließe sich handeln, das spröde Fundgut hin und her wälzen, ein wenig neu verpacken und an den Mann und die Frau bringen … Aber so schnell sind Freibeuter nicht zufriedenzustellen. Noch schäumt die Gischt unter dem Bug, das Bier in den Krügen und das Blut in unseren Adern schäumt obendrein … Welche Abenteurer wollen nicht wissen, was hinter dem bekannten Horizont liegt?
DRITTER AKT
in dem wir bei der Nachtwache auf offener See genug Zeit haben, über die Reeling zu spucken und über einige ungewöhnliche Fragen nachzudenken
Eine Reise in die Fremde ist vorzüglich dazu geeignet, die eigene gewohnte Sicht der Welt aus dem Lot zu bringen. Unbekannte Landschaften und Menschen, bisher nie gehörte Geschichten und unerwartete Erlebnisse erschüttern unversehens den eingeschliffenen Realitätstunnel, in dem man sich sonst Tag für Tag bewegt. Viele Menschen mögen das nicht, sie haben Angst davor, sich zu verändern – und die ganzen Hotelanlagen, Clubs, Pools und gesäuberten, mit Maschendraht umsäumten Strände wurden und werden nur gebaut, damit diese Leute möglichst unverändert und emotional ausgeglichen nach Hause zurückkehren können und ihren merkwürdig toten Frieden nicht verlieren. Sie haben die Sehnsucht in ihrem Inneren ausgeschaltet wie ein nutzloses Licht bei Tag in einer klimatisierten Garage und mit dem Wort Abenteuer verbinden sie einen Abend im Kino.
Auf dem endlosen Ozean der Mythen, über den unbegrenzten Abgründen des Nichtwissens, in einer stürmischen Nacht auf das Erscheinen des Fliegenden Holländers zu warten, erweckt dagegen alle möglichen Emotionen, gemischt mit dem Zweifel des herkömmlichen Intellekts. Was ist wirklich ein Mythos? Wie kann eine vermeintlich einfache Geschichte so gigantische Zeiträume durchqueren, ohne auch nur im Geringsten an Kraft zu verlieren – sicher wie mit einem Stahlseil in unserer kollektiven Seele verankert? Liegt es nur an der Farbigkeit der Bilder, deren Lebendigkeit nicht verblassen will? Ist es die Struktur eines Schaltkreises in unserem Hirn, der sich auf diese Weise nach außen stülpt und als Spiegel unseres Selbstes manifestiert? Es ist geradeso, als wenn man das Leuchten des Mondlichts auf der Wasserfläche betrachtet – man hat ein paar notdürftige Erklärungen für die mystische Ausstrahlung parat, aber die eigentliche Kraft, die unsägliche Empfindung, ist nicht faßbar; sie scheint sich im letzten Augenblick, kurz vor dem letztendlichen Begreifen, zu entziehen.
Bei näherem Hinsehen ist vieles an Vesta rätselhaft. Wenn sie eine reine Feuergöttin, ja das Feuer selbst ist, warum spielt dann das Wasser in ihrem Kult eine so große Rolle, all die vielen Gefäße mit heiligem Quellwasser, die täglich zu ihrem Tempel getragen wurden, um die Waschungen und Reinigungen zu vollziehen? Wenn die Jungfräulichkeit unabdingbare Voraussetzung für ihre Existenz und ihre Verehrung darstellte, warum pilgerten dann zu den Vestalia gerade die Mütter barfuß zum Tempel, um ihre am heimischen Herd zubereiteten Gaben darzubringen? Wenn der Vestatempel für Männer tabu war, warum unterstanden die Vestalinnen dem Pontifex Maximus, dem höchsten männlichen Würdenträger des römischen Priesterkollegiums?
Es ist eine sagenhafte Geschichte um Vesta überliefert, in der erzählt wird, wie ihre Jungfräulichkeit durch den sich hinterrücks anschleichenden wollüstigen Priapos[9] in Gefahr geriet. Gerade noch rechtzeitig wurde sie jedoch vom lauten Schrei eines Esels gewarnt und konnte entkommen, weswegen der Esel als ihr heiliges Tier gilt. Aber sollen wir das jetzt wirklich glauben? In der ganzen Antike erschien der Esel als Symboltier des lüsternen Hirtengottes Pales. Ein Fruchtbarkeitsgott wohlgemerkt. Schon im alten Indien hatten die langen Ohren des Esels die selbe Bedeutung gehabt wie die Stierhörner in den orientalischen Ländern und das Geweih des Hirsches in Europa. Im alten Ägypten gab es nur einen unübersehbaren Gott, der mit dem Esel in Verbindung stand – Set. Als Attribut wurde ihm ein Rohrzepter mit Eselsohren an der Spitze zugeordnet und als die Hyksos-Könige Ägypten eroberten und den Set-Kult wiederbelebten, taten sie dies vielleicht, weil sie selber Söhne eines Eselskultes waren. Midas, der wohlbekannte eselsohrige König aus Phrygien[10], heute zu einer lustigen Märchenfigur herabgesunken, ist ein Fingerzeig auf die Herkunft der Hyksos[11]. Set und sein Bruder Osiris (später Horus) standen bekannterweise im ständigen Kampf miteinander um die Gunst der Isis. Osiris und Set waren beide Phallusgötter, deren fruchtbare Phalluskraft im Laufe des Jahres auf den jeweilig anderen überging. „Eine Statue des Horus bei Koptos trägt den abgetrennten Phallus Seths in ihrer Hand. Nachdem er Seth kastriert hatte, versprengte Horus sein Blut auf den Feldern, um sie fruchtbar zu machen …“[12]. Wiederum ein deutlicher Hinweis auf einen Fruchtbarkeitskult. Der „lüsterne Esel“ ist eine beliebte Figur in Satiren und Geschichten des einfachen Volkes.[13] Einen Esel als Beschützer der Jungfräulichkeit anzusehen ist so treffend wie die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht am Nordpol anzusiedeln. Auf manchen Bildern trägt Vesta als zweites Attribut die Schlange der Göttin Salus bei sich. Eine Schlange für eine spröde Jungfrau? Viele solche Fragen steigen auf und versinken wieder. Sie nagen an unserem Gemüt und sie spornen uns an, ein Geheimnis zu ergründen. Im Nebel der Nacht dröseln sich die Enden eines scheinbar festen Gewebes plötzlich auf und das Muster verliert sich in einzelne, verwirrende Fäden. Der Boden des Schiffes, auf dem wir stehen, schwankt; Gewißheiten verlieren sich und dort, wo wir uns gerade eben noch festhalten wollten, ist auf einmal nichts. Wohin müssen wir also fahren; wo werden wir neue Kunde erlangen?
VIERTER AKT
in dem wir unversehens zu Raum- und Zeitreisenden werden und aus dem leuchtenden Plankton des Meeres einige seltsame Perlen fischen
Wenn man im alten Griechenland jemandem bedeuten wollte, doch bitte mal alles ganz von vorn, gewissermaßen vom Urschleim her zu betrachten oder zu erzählen, dann sagte man ganz einfach: „Fang bei Hestia an!“[14] Die eigentliche Göttin, die hinter Hestia und Vesta[15] steht, ist weit älter als die Antike und von dieser Kultur lediglich adaptiert worden.[16] Vesta/Hestia war die Tochter von Kronos und Rhea; kein Geringerer als Zeus war ihr Bruder. Livius[17] berichtet von Rhea Silvia, eine ihrer Priesterinnen, die von Mars höchstpersönlich die Zwillinge Romulus und Remus empfing, die der Sage nach später Rom gegründet haben. Rhea Silvia erscheint also bereits als Vestalin, bevor an Rom überhaupt zu denken war. Schon der griechische Schriftsteller Herodot legte dar, daß die Griechen Hestia von den Pelasgern, der Urbevölkerung Griechenlands, übernommen hatten. Nach einer Legende soll der Apollonpriester Abaris das Palladium der Vesta aus den Knochen des Pelops gefertigt haben. Zu dieser Zeit befand sich das Palladium noch in Troja und wurde dann von Diomedes und Odysseus geraubt. Pelops war der königliche Ahnherr der vordorischen Bewohner des Peloponnes, die manchmal auch als Peloper bezeichnet werden. Sein Vater Tantalos hatte ihm übel mitgespielt, um mit den Göttern Schabernack zu treiben: Um deren Allwissenheit auf die Probe zu stellen, war Pelops geschlachtet, im Kessel gekocht und den Göttern zur Speise vorgesetzt worden. Hermes belebte Pelops wieder, nachdem die Schandtat aufflog. Pelasger – Peloper – Pelops – Peloponnes – Palladium – A-Pollon. Ist das nicht, gelinde gesagt, etwas merkwürdig? Der Gott der Seeleute und des Windes ist uns günstig gesinnt. Wir sind dem rätselhaften Palladium dicht auf den Fersen. So wie die Elben bei Tolkien ihre Schiffe auf dem Geraden Weg in den Ilmen führten, um dort die Götter wieder zu treffen, müssen wir unser Schiff durch die Gestade von Raum und Zeit treiben und die gewohnten Dimensionen verlassen. Das merkwürdige Leuchten des mythischen Meeres hat uns gänzlich in seinen Bann geschlagen und wie hypnotisiert starren wir in die Wellen, die bereits zu reinem Licht geworden sind …
Natürlich finden wir das Palladium im Namen derjenigen Göttin wieder, deren Standbild sich im Vestatempel befand: Pallas Athene. Aber ist es das Standbild selbst? Wohl kaum … Das Palladium soll einst in Troja vom Himmel gefallen sein, wurde dann von Aeneas nach Rom gebracht und dort im Tempel der Vesta aufgestellt. Fallen Standbilder oder steinerne Göttinnen vom Himmel? Anderen Quellen zufolge raubte Diomedes das Kultbild vor der Einnahme Trojas, und viele griechische Städte rühmten sich, das Original zu besitzen.[18] Im Zusammenhang mit der Stadtgründung Trojas hören wir von einem Palladium, das vom Himmel stürzte, aufgerichtet in der Erde steckenblieb und dem umherziehenden Ilus anzeigte, wo er seine Stadt errichten sollte. „Nach altem Glauben konnte man nach einem Gewitter die konisch zulaufenden, versteinerten Fossile finden, die Donnerkeile, die man sich gewissermaßen wie eine vom Himmel geschleuderte Waffe dachte.“[19] War das Palladium eine Art kultischer Donnerkeil? Wer wenn nicht der Bruder Hestias konnte diese Donnerkeile schleudern, der Gott an sich – Jupiter oder Iu-Pater, der Allvater, oder Baal, der phallische Blitz-, Donner- und Sturmgott oder Balder, wie er in der nordischen Mythologie genannt wird oder Phol, wie er in den Merseburger Zaubersprüchen heißt oder ganz einfach Phallus, der als himmlischer Donnerkeil in die Erde eindringt, um sie zu befruchten?! Palladius war der römische Beiname des pater oder Patricius, des Gottes der Zeugung, aus dem die Christen später den Hl. Patrick fabrizierten, Schande über ihr ärmliches Haupt.[20]
Der vergöttlichte Phallus ist also das Geheimnis, das hinter dem Palladium verborgen ist. Damit wird auch klar, warum gerade Hermes Pelops heilte, war doch die eigentliche und urtümliche Darstellung des Hermes nichts anderes als eine phallische Säule oder eine priapische Jünglingsstatue.[21] Hermes holt den Pelops aus dem Totenreich zurück und völlig entsprechend reist Hermod in der nordischen Mythologie zur Hel, um Balder zurückzubitten.[22] Die Ursilbe Bal* oder Pal* oder Phal* findet sich in all diesen Mythen, Götternamen und Orten wieder und ihre weite sprachliche Verbreitung habe ich bereits an anderer Stelle untersucht.[23] Die Mythenforscherin Barbara G. Walker ergänzt diese glückliche Beute unseres mythischen Piratentums, indem sie vom archaischen Hirten- und Weidegott Pales erzählt, der – fast könnte es nicht anders sein – in Eselsgestalt verehrt wurde.[24] Auch hinter dem lüsternen Pales steckt niemand anderes als Baal, oder anders ausgedrückt: all diese ursprachlich gleichlautenden Bezeichnungen repräsentieren ein und denselben Gott, der sowohl Palästina wie dem Peloponnes als auch dem römischen Hügel Palatin seinen Namen gab, auf dem sein Palast oder Tempel stand.[25]
Als der römische Kaiser Konstantin das Palladium nach Konstantinopel entführte (und damit die Spaltung des Reiches magisch besiegelte), begrub er es unter einer riesigen roten Porphyrsäule, auf der sein eigenes Bildnis in Gestalt Apollons stand.
Ist Pales der eigentliche Grund dafür, daß man an den Vestalia, den Festtagen zu Ehren der Vesta, die Esel der Müller mit Kränzen und Broten behing und auf diese Weise ehrte?[26]
Ein lüsterner Eselsgott, ein phallischer Stiergott, ein Haufen geiler Götter und Göttinnen überhaupt, ein Sack Flöhe obendrein – nun haben wir den Salat. Wenn man einen Phallus – und mag er auch noch so prächtig sein – in das Heiligtum einer jungfräulichen Göttin schmuggelt und gleichzeitig ein fröhliches Piratenschiff auf dem Meer der Mythen befehligt, dann ist alles zu spät. Die königliche Marine wird uns beschießen, der Papst uns mit Bann belegen, die Psychoanalytiker werden hoffnungslosen Sexismus attestieren und konservative Demokraten den Verfall der Tugenden beklagen und schärfere Gesetze gegen Freibeuter fordern. Scheiß drauf …
FÜNFTER AKT
in dem endlich die Weiber das Kommando übernehmen, damit die besoffene Mannschaft das Schiff nicht auf Grund laufen läßt
Irgend jemand hat vermutet, daß das Sancta Sanctorum, das Allerheiligste des Vestatempels, gar kein eigener Raum gewesen ist, sondern lediglich eine von der Cella aus zugängliche, trapezförmige Aushöhlung in der Wand. In dieser Aushöhlung wurde wahrscheinlich das Palladium, wie wir nun wissen ein heiliges phallisches Instrument, aufbewahrt. Aus den asiatischen Phalluskulten ist der Brauch überliefert (und teilweise bis heute lebendig geblieben), die aufgestellten phallischen Säulen oder Lingams mit Wasser oder Milch zu übergießen. Die indischen Lingam-Statuen sind mit einer Art Becken, das die Yoni symbolisiert, versehen und dieses Becken nimmt die Flüssigkeit auf. Im Vestatempel haben wir nun also ebenfalls ein Gefäß oder eine weibliche Höhlung, in der der Heilige Phallus ruht. Es fehlt nur noch das Wasser, die fruchtbarkeits- und lustspendende Essenz der Göttin, aus einer heiligen Quelle als Symbol für den weiblichen Schoß der Erde herbeigetragen. Aus diesem Grund schöpften die Vestalinnen das Wasser, auf dessen Reinheit höchsten Wert gelegt wurde, aus einer Quelle außerhalb der Porta Capena im Süden Roms und trugen es in den Tempel. Dabei durfte der Krug (futtile) während des Transports nicht auf den Boden gestellt werden. Wurde das Palladium damit benetzt oder das Allerheiligste gewaschen? Das klingt doch viel einleuchtender als die Tempelgroßreinemach-Geschichte verklemmter Mythologen und auf das Feuer kommen wir schon noch zu sprechen. Futtile erinnert an Bezeichnungen für das weibliche Geschlechtsorgan, die auch heute noch jeder kennt, aber die selbstverständlich nur noch zum „schmutzigen“ Wortschatz gehören.[27] Das Christengeschmeiß hat gute Arbeit geleistet: was unseren Ahnen einst heilig und rein war, das kann man/frau heute nicht in den Mund nehmen, sondern gehört in die Gosse. Und so wird auf frei zugänglichen Aktfotos immer noch die Stelle zwischen den Beinen der Frau schamvoll retuschiert[28], bis nur noch ein paar Haare und ein diffuser dunkler Fleck zu sehen sind, da ist halt nichts – erstrecht keine Spalte, keine Venushöhle, keine Fut, nichts worauf eine wahre Göttin stolz sein könnte. Verdammt, jetzt steigen die wilden Piratenbräute an Deck, heben die Röcke und schnell sind ein paar alte, moralinsaure Tattergreise über Bord geschmissen und das Gejohle und die unzüchtigen Tänze nehmen kein Ende … Wo keine Freiheit ist, muß man sie sich halt nehmen.
Wenn das Standbild der Athene nicht das Palladium war, was hatte es dann im Tempel der Vesta zu suchen? Was haben beide Göttinnen gemeinsam? In Athene entdeckt man genau denselben Widerspruch wie bei Vesta: Sie war die Muttergöttin der Athener und gleichzeitig die Heilige Jungfrau (Athene Parthenia), die einen eigenen Jungfrauentempel (Parthenon) besaß. Klassische Schriftsteller beteuerten ihre Keuschheit, aber ältere Quellen gaben ihr verschiedene Gefährten bei, z.B. Hephaistos oder Pan. Hephaistos war bekanntlich als der Gatte der Aphrodite bekannt, der Göttin der Liebe und Lust, ein doch recht merkwürdiger Zusammenhang, vom lüsternen Pan ganz zu schweigen. Ihr Beiname Pallas deutet ein eigenes mysteriöses Palladium an, vermutlich ein ähnlicher phallischer Fetisch, wie er später in Rom verehrt wurde. Eine Inschrift aus Nordafrika bezeichnet sie auf griechisch als Athene, auf phönikisch aber als Anat.[29] Potzblitz! Anat, die Schwester und Geliebte Baals, des weißen Stiergottes! Athene wäre dann ursprünglich niemand anderes als die ausgesprochen kriegerische und lustfreundliche Gattin des phallischen Gottes – Ath-enna oder Anna[30], Diana[31], Nanna[32], Anu oder Nu(t), Neith, Danu[33], Jana, Hannah[34] usw. In Rom entsprach Minerva der Athene und ihr Name ist das offensichtliche Gegenstück zu Min/Minos/Minotaurus, den phallischen Stiergöttern. Kann es sein, daß hinter all diesen sittsamen, keuschen und zahmen Hausfrauengöttinnen der Antike eine Göttin verborgen ist, deren Wildheit und Wollust unseren domestizierten Sinnen völlig undenkbar erscheint? Eine Göttin voller Unabhängigkeit, Kraft, Klarheit und Schönheit? Eine Göttin für Frauen, deren Arm es noch verstand ein Schwert zu führen und die eher starben, als ihre Freiheit von dahergelaufenen Bierbauchfritzen unterbuttern zu lassen. Die nicht vermählt wurden, sondern selber wählten; über deren Schicksal nicht entschieden wurde, sondern die unabhängig blieben; keine Matronen und Mätressen, sondern Frauen, die sich ihre Geliebten und Gatten nach ihrer Lust erkoren und deren Künste, Fähigkeiten und Handwerke jedermann Bewunderung abverlangten. Die aus ihrer eigenen Schwäche heraus nicht die Männer verachteten, sondern gleichberechtigt neben ihnen in den Kampf zogen oder mit ihnen der Wollust frönten. Was muß das für eine kraftvolle Göttin gewesen sein und über was für eine sagenhafte Zeit jenseits aller Legenden sprechen wir hier?
In Vesta finden wir vermutlich zwei Aspekte dieser Urgöttin: zum einen das heilige Gefäß, ihren Schoß, Phallaina, die den Phallus Verschlingende, der runde Tempel des Leibes, in dem das neue Leben heranwächst[35]; zum anderen das Feuer der Liebe, Lust und Leidenschaft, die nie verlöschende Glut, die das Blut erhitzt und seit den ältesten Tagen der Menschheit als gesundheitsfördernd und –erhaltend angesehen wurde. Der heiße Kessel, in dem Pelops gekocht wurde … „Der große römische Epiker Vergil hielt es für leichter, Vesta zu fühlen, als sie zu erklären.“[36] Ja, natürlich! Weil sie das Gefühl schlechthin ist! In wem die Begierde brennt, der braucht keine Erklärungen dafür. Vesta steht für die Vesica Piscis, das alte Zeichen für das weibliche Geschlecht, jenes wunderbare Fisch-Symbol, das selbst die christlichen Kaiser Roms so liebten, daß sie nicht darauf verzichten wollten und es weiter in ihren Bannern und Wappen führten, bis es aller Unkeuschheit entkleidet als angebliches christliches „Ursymbol“ Eingang in die neue herrschende Religion fand. Vielleicht sind deswegen diese Göttinnen und Götter so untrennbar mit dem Wasser und dem Fisch verbunden? Ein Beiname der indischen Kali als Verschlingerin von Shivas Phallus war Minaski, die Fischäugige, und erinnert an Minerva und Min, genauso wie Isis als Abtu, der große Fisch der Tiefe, verehrt wurde und in dieser Gestalt Osiris‘ Phallus verschlang.[37] „Im Griechischen waren Fisch und Schoß Synonyme. Beide hießen delphos.“[38] Die Aphrodite Salaci, „Schoß voller Fische“, wurde als Delphin dargestellt und ihr Liebesknabe hieß Palaimon mit der üblichen Bal*-Silbe im Namen. Diese Göttin schenkte jedem Wollust, der an ihrem heiligen Tag, dem Freitag[39], ein üppiges Fischessen veranstaltete. Auch dieser recht angenehme Brauch wurde von den Christen abgekupfert und mit einem eigenen Mäntelchen versehen. In der Bibel dreht sich merkwürdiger Weise die Geschichte um und nicht der Phallus wird vom Fisch verschlungen, sondern Jona (Jana oder Anat) vom Wal (oder Baal-Fisch).[40] Baals Vater war Dagon, der bekannte Fischgott. Der Beiname der Aphrodite erinnert uns wieder an die Schlange der Salus, die auf so vielen Abbildungen der Vesta zu sehen ist. Möglicherweise erinnert die phallische Schlange, die genauso ein Symboltier der weiblichen Weisheit war, eher an Salacia, die „Wollüstige“[41] oder ganz und gar an Salix, die Weide, den heiligen Baum der Belili, der noch im alten Deutsch Balbaum hieß.[42] Die Weide als Baum der Ruten und als Baum der Körbe und Gefäße repräsentiert Männliches und Weibliches.[43] Wenn eine Vestalin den Tempel verließ, um in die Stadt zu gehen, lief ihr ein römischer Liktor voraus. Dies war eine besondere Ehre und ansonsten nur bei hohen Staatsbeamten üblich. Die Liktoren trugen traditionsgemäß ein Rutenbündel (fasces). Innerhalb dieses Rutenbündels führten sie jedoch ein Beil mit, das seitlich herausschaute und gewöhnlich als Insignum der Macht gedeutet wird. Im hier geschilderten Zusammenhang wäre es denkbar, daß sowohl Rute als auch Beil[44] eher die Insignien der alten Fruchtbarkeitsgötter darstellten, zumal es bereits in etruskischen Gräbern ähnliche Abbildungen gab.
In Vesta und Pales, Anat und Baal, Nanna und Balder, Fulla und Phol, Fut und Phallus leben die zwei Ur-Gottheiten fort: die Große Göttin und der Gehörnte Gott, ihr Bruder, Sohn und Liebhaber zugleich. Daß die moderne Magie und Hermetik so stark auf das Solare als phallisches Prinzip abzielt, scheint in dieser Hinsicht ein absonderlicher und bedauerlicher Irrtum zu sein, denn wie schon Heraklit bemerkte: „Das Weltall aber steuert der Blitz“[45] und die phallischen Himmelsgötter waren allesamt Blitz-, Sturm- und Donnergötter. Die Erd- (oder Herd-)göttin[46] wird durch die feurigen Blitzschlangen befruchtet, die wie ein Orgasmus sich entladend vom Himmel fahren, nicht aber durch die Sonne, die ja Sunna, also selber eine weibliche Gottheit ist. Tolkien berichtet in seiner Mythologie vom sternenbeschienenen Beleriand aus einer Zeit, als es überhaupt noch gar keine Sonne gab. Das Licht der Sterne und der Blitze ist auch hier ursprünglicher und läßt die Pflanzen trotzdem wachsen.[47] Die Distanz zwischen Himmel und Erde, die Regenbogenbrücke, hieß in den altisländischen Quellen bilröst, was man gut als Wegstrecke des Bil oder Bal deuten könnte.[48]
Neben den männlichen und weiblichen Urgottheiten, denen wir bisher auf unserer Kaperfahrt begegnet sind, gibt es noch eine dritte Klasse von Göttern, deren Namen, Wesen und Mythologie eine recht eigenartige Mischung aufweisen. Sie besitzen weibliche und männliche Eigenheiten, abwechselnd oder zugleich, vermitteln zwischen diesen Polen oder sind schlichtweg androgyn. Ihre Anwesenheit und Energie ist offenbar notwendig, um den strengen und wohl gefährlichen Antagonismus von Liebe und Krieg[49] zu durchbrechen, auszugleichen und die Dualität zur Trinität zu vervollkommnen. Außerdem stellen sie damit eine initiierte Sichtweise zur Verfügung, die das einseitige Beharren auf ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ transzendiert und in eine höhere Einheit zurückführt. Diese androgynen Gottheiten sind nicht immer so einfach zu entdecken, häufig verdreht und verbogen oder fehlgedeutet worden. Manchmal findet man sie ganz einfach wie in der römischen Göttertriade Jupiter – Juno – Minerva, manchmal muß man den jeweiligen Kult genauer untersuchen. So wurde Vesta als Hüterin des Opferfeuers bei jedem Gottesdienst mit angerufen und zwar zusammen mit einem anderen Gott, der immer am Anfang des Opfers (Vesta am Ende) genannt wurde: Janus. Er war der Doppelgesichtige, der Gott der Torbögen und Türen, genau wie Juno, deren Name auf Unio, die Einheit verweist und die Antevorta und Postvorta genannt wurde: die Göttin, die sowohl nach vorn als auch zurückblickt.[50] Einige dieser Gottheiten enthalten die Zweiteilung gleich in ihrem Namen wie Diana (die zweifache Anat) oder Dionysos (das zweifache Sein). Letzterer ist ein ausgesprochen interessanter Gott mit vielen magischen und mythologischen Verbindungen zu Baal.[51] Als Dionysos in den Olymp aufstieg, war es gerade Hestia, die ihm ihren Platz abtrat. Als Orpheus es wagte, den regionalen Kult der Urgötter abzulehnen und die Sonne anbetete, die er Apollon nannte, erzürnte dies Dionysos so sehr, daß er seine Mänaden nach ihm ausschickte, die ihn in Stücke rissen. „Eine mysteriöse Rolle im Kult des Dionysos spielte ein Weidenkorb, in dem ein länglicher Gegenstand, vermutlich ein Zweig, eine Rute oder ein Phallus, aufbewahrt wurde.“[52] Das kommt uns doch sehr bekannt vor, nicht wahr? Das hebräische Wort für Korb oder Topf heißt DVD und kann außerdem ‚erotische Liebe‘ bedeuten. Sein Zahlenwert ist 14 und korrespondiert mit ATD, Dorn[53]! Wer sich einmal den XIV. Trumpf im Tarot, Die Kunst, ansieht, wird einen verblüffend übereinstimmenden Symbolismus entdecken. Auf der Karte vermählt eine zweigeteilte Gestalt in einem Kessel oder Gefäß die Prinzipien Feuer (Blitzstrahl) und Wasser miteinander.
Janus lehrte dem Mythos nach den Menschen den Gebrauch der Schiffe, weswegen er unter uns seefahrenden Freibeutern ebenfalls hohe Verehrung genießt.[54] Dionysos ist für seine ekstatischen Mysterienspiele und Umzüge bekannt, seine Vorliebe für den Wein und die Liebe, aber ebenso für seine Kriegskunst und Tapferkeit. Der Janustempel in Rom war nur in Kriegszeiten geöffnet. „Die oberste Priesterin der Vestalinnen diente in Zeiten einer Belagerung Roms als Friedensvermittlerin.“[55] Dies kann man als einen ernstzunehmenden Hinweis darauf sehen, welches Prinzip man für fähig hielt, Krieg und Streit zu beenden. Das Heilige Feuer oder die göttliche Glut, von denen hier die Rede ist, kann erwärmen oder zerstören, die Leidenschaften anstacheln, zum Lieben oder um die Kraft für das Führen von Waffen aufzubringen. Zur Heiligen Liebe gesellt sich der Heilige Krieg, jener Kampf, der einst die Freiheit und Unabhängigkeit der Menschen gegen freche Eindringlinge und machtgierige Angreifer bewahren sollte. Da heute Kriege für das genaue Gegenteil instrumentalisiert werden, ist uns dieses Verständnis völlig abhanden gekommen. In der christlichen Kultur sind die braven Schäfchen, die ihr Leben lang geschoren und später zur Schlachtbank geführt werden, das gesellschaftliche Ideal. Piraten haben es da leichter; sie tragen den Säbel ganz natürlich am Gürtel und jeder, der sie zu Knechten machen will, bekommt eins übergebraten … Oh wie herrlich die schwarze Flagge am Mastbaum weht!
In den germanischen Landen findet man den zweifachen Baal oder Balder an einer völlig unerwarteten Stelle: in der Zwie-Bel. Die runde Knolle mit ihrer ringförmigen Struktur, aus der der Lauch emporschießt, ist tatsächlich eine Art botanisches Yoni-Lingam. Wem dies nun doch zu komisch vorkommt, der möge sich vergegenwärtigen, daß Lauch oder nord. Laukaz sogar in einer Rune anzutreffen ist, die als hieroglyphisches Symbol für den Phallus und Sexualmagie gilt und darüber hinaus die engsten Beziehungen zum Wasser beinhaltet.
SECHSTER AKT
in dem in der „ewigen Stadt“ unvorstellbare Feste gefeiert werden,
deren „jungfräuliche“ Bräuche jeden zivilisierten Schwächling beschämen
Nun sind wir weit gekommen, aber die ungestümen Frauen an Deck fangen an uns zu verspotten, weil wir immer noch keine wirkliche Jungfrau gefunden haben, deren Anwesenheit uns erklären könnte, warum Vesta, Hestia, Athene usw. als jungfräuliche Göttinnen angesehen wurden und was es mit den jungfräulichen Vestalinnen nun auf sich hatte. Ein scheinbar harter Brocken für alle Sittenwächter und Moralapostel, nicht aber für freie Piraten wie uns. Die Erklärung ist so einfach wie überraschend: Es gab keine Jungfräulichkeit in den Tempeln! Hoha! Jedenfalls keine in dem Sinne, wie wir sie heute nach fast zweitausend Jahren christlich-abendländischer Geschichte verstehen. Nur die virgo intacta, die Jungfrau im physiologischen Sinne, ist nach christlicher Lesart eine richtige Jungfrau und dies ist sie nur deswegen, weil sie nach ihrer Heirat „unberührt“ in den persönlichen Besitz eines Mannes übergehen kann wie eine Sklavin an ihren Eigentümer und dieser neue Eigentümer (der alte ist der Vater) ein Interesse an einer nagelneuen Ware hat. In einer (vielleicht einst sogar matriarchalen) religiösen Kultur der Göttin macht dieses Theater keinen Sinn. Die Göttin selbst war es, die ihre (zahlreichen) Liebhaber auswählte und ihr grundsätzliches Paradigma war die Promiskuität, nicht eine vorgespielte Treue, gepaart mit aggressiver Eifersucht. Das „erste Mal“ war daher (für Frauen wie auch für Männer) schon ein heiliger Vorgang, weil sich Gott und Göttin, Vesta und Pales in einem bestimmten Leben das erste Mal vereinten. Eine „Jungfrau“ im alten Sinne dagegen war lediglich eine junge, ungebundene Frau. Auf diesen Unterschied war weiland schon der olle Luther hereingefallen, als er bei Miriam, der Mutter Jesu, BThVHL bzw. AaLMH als ‚Jungfrau‘ übersetzte und nicht als das, was dieses Wort wirklich und ursprünglich bedeutet: ‚junge, unverheiratete Frau‘. AaLMH ist mit dem lateinischen alma (lebendige Weltseele) und almus (gütig, nährend, fruchtbar) verwandt und entspricht der griechischen Psyche und der indischen Shakti.
Wollte eine Frau eine (monogame) Ehe eingehen, mußte die Göttin versöhnt werden. Aus diesem Grund war es beispielsweise in Babylon Brauch, daß sich jede Frau vor ihrer Eheschließung im Tempel der Ishtar prostituierte. „‚Heilige Jungfrau‘ war der Titel der Huren-Priesterinnen der Ishtar, Aschera oder Aphrodite … Es war die Aufgabe dieser ‚heiligen Jungfrauen‘, durch sexuellen Gottesdienst den Segen der Mutter zu erteilen, zu heilen, wahrzusagen, heilige Tänze aufzuführen, die Totenklage zu halten und Bräute Gottes zu werden.“[56] Gebaren die Priesterinnen im Tempel Kinder, so nannten die Griechen diese parthenioi, jungfrau-geboren! Das apokryphe Evangelium des Jakobus (der als Bruder Jesu gilt) berichtet, daß Maria eine kadesha war, also eine Geweihte (Hure im Tempel). Starker Tobak für Christen, weswegen dieses Evangelium gar nicht erst in das Neue Testament aufgenommen wurde. So ist das eben, wenn die „Heiligen Schriften“ nicht ganz zur eigenen Weltanschauung passen, werden sie eben passend gemacht. Andererseits waren die Christen dringend auf eine „Jungfrauengeburt“ als wunderbare Rechtfertigung ihrer erfundenen Religion angewiesen, denn alle Erlöser und Religionsstifter vor ihnen waren von einer Jungfrau geboren wurden, d.h. von einer geweihten, extra für diesen Zweck ausgewählten Priesterin des Tempels, der ein Gott höchstpersönlich beiwohnte, weil sie in diesem Augenblick die inkarnierte Göttin darstellte. Mit der uns bekannten Vorstellung von Jungfräulichkeit hat das alles zugegebenermaßen recht wenig zu tun.
Es ist anzunehmen und mehr als nur wahrscheinlich, daß die „jungfräulichen“ Vestalinnen ursprünglich ebenfalls geweihte Huren-Priesterinnen waren, umso mehr als Vesta kein unerreichbares Ideal der Enthaltsamkeit darstellte, sondern – wie wir gesehen haben – das Geschlecht der Göttin selbst und die nie erlöschende Glut ihres sexuellen Begehrens. Vielleicht hatte sich ihre Funktion schon in späteren, patriarchalen Zeiten der Antike gewandelt und sie zu „echten“ Jungfrauen gemacht oder aber es handelt sich einfach nur um eine gefälschte Version der tatsächlichen Historie; für Christen war die Geschichtsfälschung so normal wie das tägliche Vaterunser. Ein sufisches Sprichwort besagt: „In der Vagina des Weibes liegt Heilung.“[57] und so ist es keineswegs verwunderlich, daß die Vestalinnen ebenfalls mit Heilung in Verbindung gebracht wurden und die besagte Schlange der Salus zu den Attributen der Vesta gehörte – Salus war die göttliche Personifikation der Gesundheit. Die Tempelprostitution scheint auf jeden Fall keine verderbte Randerscheinung gewesen zu sein, wie man es uns heute glauben machen will. Sie ist im Gegenteil für fast alle alten Kulturen bezeugt. „In den Tempeln der Aphrodite in Eryx, Korinth, Zapern und anderen heiligen Stätten dienten tausend heilige Huren gleichzeitig.“[58] Auch im Kult des Baal und der Aschera-Anat war die Tempelprostitution fester Bestandteil der Riten. Das tantrische Wort für eine heilige Hure hieß Veshya und man muß schon blind sein, um hinter diesem Wort nicht wieder Vesta oder Hestia zu entdecken.
Vermutlich vermählten sich die Vestalinnen mit dem Großen Gott, dem Gehörnten Stiergott Baal oder dem lüsternen Eselsgott Pales, der in Gestalt des Palladiums in ihrem Tempel anwesend war. Man kann spekulieren, ob in alten Zeiten der Hohepriester den Gott invozierte und dieser die Heilige Hochzeit mit den Mädchen vollzog (die eigentliche Entjungferung) oder ob der Akt ganz und gar nur mit dem Instrument des Palladiums vollzogen wurde. Pontifex Maximus, der Titel des römischen Hohepriesters, kann man am ehesten als „Großen Brückenbauer“ oder „Pfadbahner“ deuten. Pons, die Brücke oder auch Weg/Pfad wäre dann die Verbindung zwischen dem himmlischen Vatergott und der Erdmutter, die Strecke, die der Blitz zurücklegt, Bilröst.
Seit den Zeiten des Papstes Leo I. (440 – 461) ist Pontifex Maximus die Bezeichnung des höchsten geistigen Würdenträgers der katholischen Kirche, der sich den Titel angeeignet hatte, um die damit verbundene Verehrung zu genießen.
Die Pontifices führten teilweise zusammen mit den Vestalinnen kultische Handlungen aus, deren Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Neben den Vestalia gab es noch zwei weitere Feste, deren nichtalltägliches Treiben wir hier kurz beleuchten wollen. Die Fordicidia wurden am 15. April gefeiert und gelten als Fest der Siedlungsgemeinschaften, was immer das auch bedeuten mag. Viel wahrscheinlicher ist, daß es sich um ein altes Opferfest für die Göttin handelte. Für diesen Tag wählte man dreißig trächtige Kühe (fordae) aus, die dann der Göttin Tellus – ihr Beiname war Terra Mater, Mutter Erde – geopfert wurden. Im frühen Rom war die Bevölkerung in drei (später sechs) Tribus zu je 10 Kurien eingeteilt gewesen. Jedem Tribus stand eine Vestalin für den religiösen Kult zur Verfügung und jede Kurie wurde in der Vollversammlung durch einen Liktor vertreten. Für jede Kurie opferte man also eine trächtige Kuh. Die ungeborenen Kälber wurden entfernt und unter der Aufsicht der Vestalis Maxima verbrannt. Eine Woche später am 21. April, zu den Parilia, wurde die pulverisierte Kälberasche mit jener des Oktoberrosses vermischt und als suffimen (Reinigungsmittel) in leere Hülsen von Bohnen gefüllt. Mit Schwefel entzündet verwendete man es zur rituellen Reinigung von Häusern und Ställen, sowie als Fruchtbarkeitszauber für Viehherden. Parilia gilt heute als Hirtenfest oder Geburtstagsfeier Roms, aber da der Tag früher Palilia hieß, handelte es sich offenbar ursprünglich um das kultische Fest des Pales. Priester in Eselsmasken spielten eine Rolle und die Vestalinnen verteilten die Asche der verbrannten Kälber zusammen mit anderen Mitteln der kultischen Reinigung und zur Förderung der Fruchtbarkeit. Beide Feste liegen unmittelbar um die Zeit des Mondfestes Beltane mit seinen sprichwörtlichen Beltane-Feuern. Der Name dieses Festes verweist allerdings wiederum auf den keltischen Bel oder allgemein Baal als phallischen Blitzgott. Diese Beispiele zeigen recht deutlich, daß der scheinbar „zivilisierte“ Hintergrund dieser Feste und kultischen Feiern bei näherem Hinsehen einem einzigen Zweck weichen: der Verehrung der heiligen Sexualität, Göttin und Gott, ihrer heiligen Hochzeit und der daraus resultierenden Fruchtbarkeit für Mensch, Tier und Vegetation. Eine recht unbequeme Erkenntnis für Leute, die am liebsten auch gern einen retuschierten Fleck zwischen ihren Beinen hätten, weil ihnen die Energie ihres eigenen Triebes nur Sünde und Verworfenheit bedeutet und sonst nichts. Im vielfach verwobenen und verfilzten Muster des mythologischen Teppichs treten recht eindeutige und klare Strukturen hervor. Die vielfältigen Namen, Orte, Bräuche und Geschichten lassen sich – nicht zuletzt mit Hilfe ursprachlicher Methodik – auf den Ur-Kult schlechthin zurückführen, ein Kult, der mit Sicherheit schon vor mehreren zehntausend Jahren von unseren Ahnen praktiziert wurde, die damit offenbar weniger Probleme hatten und einen freieren Archetyp des Menschseins verkörperten. Vesta und Pales sind dafür ganz hervorragende Beispiele. Göttinnen und Götter sind in diesem Sinne keine realen Bewohner unserer angeblich so objektiven Geschichtsschreibung. Ihre Wohnstätten sind nicht das alte Rom, Troja usw., wie wir sie heute kennen, ausgegraben und erforscht haben, sondern die Städte und Zentren einer metaphysischen Geographie und Historie jenseits der Wirklichkeit. Diese Meta-Wirklichkeit ist letztendlich in der Seele des Menschen angelegt und wird von den Urenergien (oder „Licht“, wie die Alten sagten) geformt, belebt und strukturiert. Auf dieser Ebene wird aus dem gewöhnlichen ROMA die „ville éternelle“, die ewige Stadt, deren eigentliche Bedeutung AMOR ist und zum „vie éternelle“, zum ewigen Leben führt. Indem die leibfeindliche und blutbesudelte Tradition des Christentums dieses heilige Zentrum der Erde besetzt hält, wird Amor am Wirken gehindert, der harmonische Ausgleich blockiert und „ville“ bleibt „vile“ (bösartig) oder „evil“.
SIEBENTER AKT
in dem wir wieder in der „realen Welt“ ankommen, um einiges reicher zwar,
aber angesichts der Tatsachen nicht naiver geworden
Noch mit dem freien Duft des Meeres in der Nase und den Erinnerungen an manche wilde Nacht im Herzen müssen wir uns unversehens mit der Historie auseinandersetzen, die alles andere als erquicklich ist. Der Hafen als unwillkommener Ort unserer Ankunft und dem Ende der Reise wirft seinen Schatten voraus und die Frauen und Männer auf dem Schiff murren, weil sie schon den Gestank der Spelunken, Märkte und politischen Theater wittern.
Da wir am Beginn von den Siegern gesprochen haben, war es von vornherein eigentlich klar, daß es solche gab, d.h. die Welt, wie wir sie auf unserer Fahrt erlebten und neu entdeckten, gehört der Vergangenheit an. Daß dies so ist, haben wir der vorletzten religiösen Errungenschaft der Menschheit zu verdanken: dem Christentum. „Das war die verhängnisvollste Art Größenwahn, die bisher auf Erden dagewesen ist: kleine Missgeburten von Muckern und Lügnern fingen an, die Begriffe ‚Gott‘, ‚Wahrheit‘, ‚Licht‘, ‚Geist‘, ‚Liebe‘, ‚Weisheit‘, ‚Leben‘ für sich in Anspruch zu nehmen, gleichsam als Synonyma von sich, um damit die ‚Welt‘ gegen sich abzugrenzen, kleine Superlativ-Juden, reif für jede Art Irrenhaus, drehten die Werte überhaupt nach sich um …“[59] Diese bis heute wirksame, verhängnisvolle Umdrehung der Werte führte dazu, daß sich die selbsternannten Erben des Urchristentums, allen voran Paulus, mit der dekadenten Macht des untergehenden römischen Reiches verbündeten und damit zu einer Gefahr für alle freien Menschen der Erde wurden, eine Gefahr, die fast ausnahmslos alle alten heidnischen Religionen und Nationen unterschätzten. Es war halt für freie Menschen im Geiste recht schwer zu begreifen, welchen Sinn eine alleinseligmachende Wahrheit für alle haben sollte, eine Wahrheit zudem, die man mit den Insignien brutalster Gewalt durchzusetzen versuchte. „Der ‚frohen Botschaft‘ folgte auf dem Fuß die allerschlimmste: die des Paulus. In Paulus verkörpert sich der Gegensatz-Typus zum ‚frohen Botschafter‘, das Genie im Hass, in der Vision des Hasses, in der unerbittlichen Logik des Hasses.“[60]
Der Dienst der Vesta erhielt sich bis in die letzten Zeiten des Heidentums; die Schlüsselfigur für seinen Untergang war der römische Kaiser Gratian. Zur Zeit seiner Regierungsübernahme 375 u.Z. lehnte er die Insignien des Pontifex Maximus ab und unterbrach damit die spirituelle Traditionslinie des priesterlichen Königs, die allerdings schon vor ihm arg gelitten hatte. Gratian unterstützte mit allen Mitteln die orthodoxe christliche Geistlichkeit, verbot das arianische Christentum als Konkurrenz und befreite die Kleriker von Lasten und Steuern. Mit dem am 27. Februar 380 zusammen mit Theodosius erlassenen Edikt Cunctos populos beendete er die Religionsfreiheit, die Konstantin mit dem Edikt von Mailand 325 eingeführt hatte. 383 definierte er per Gesetz Apostasie (Abfall vom Glauben) zu einem vom Staat zu verfolgenden Verbrechen. Die katholisch-orthodoxe Kirche erklärte er zur alleinigen Staatskirche. Er schaffte alle Privilegien der heidnischen Priester und damit ebenso der Vestalinnen samt den Sonderrechten ihrer Kulte ab. Das Feuer der Vesta wurde durch Kaiser Theodosius, der ebenfalls alle heidnischen Kulte hatte verbieten lassen, im Jahre 392 (nach anderen Berichten 394) gelöscht. Nach dem bisher Gesagten erscheint diese Tat unter hermetischen, symbolischen und magischen Gesichtspunkten als das Schlimmste, was dem Heidentum passieren konnte. AMOR wurde zu ROMA und aus dem Pontifex Maximus wurde der Papst, der alles andere als einen Brückenbauer darstellte, sondern im Laufe der folgenden Jahrhunderte alle Fäden zur Alten Welt absichtlich und fanatisch bekämpfte und mit Stumpf und Stiel ausrottete. Was die Herrschaft der Kirche bis zum heutigen Tag für die Würde, Kraft und Freiheit der Göttin, d.h. der Frau, bedeutet, muß nicht besonders ausgeführt werden: Millionen geschundene, unterdrückte, gefolterte, verbrannte und geschlachtete Opfer sprechen für sich. Der Schädel und die Knochen auf der schwarzen Flagge unseres Schiffes sind dem Andenken ihrer Gebeine gewidmet, die nie jemand zu Reliquien erklärt, geheiligt oder auch nur an einer würdigen Stelle begraben hat. Der uralte heilige Kult der sexuellen Liebe fand sein Ende und die Herrschaft der asketischen Fanatiker begann und dauert fort. Bis zum heutigen Tag haben wir die Freiheit unserer Geschlechtlichkeit nicht wiedergefunden und die christliche Scham als kranke Ausgeburt einer erfundenen Hölle brannte schon in unseren Gedärmen, bevor wir überhaupt geboren wurden.
Vertäuen wir unser Schiff gut und bleiben wir an Bord, denn die „ewige Stadt“ kann uns nichts bieten, was wir nicht schon längst im Geiste erlangt hätten. Seien wir wachsam, unangepaßt und vergessen wir nicht. Halten wir uns bereit, jeder Zeit in See zu stechen. Mögen Vesta und Pales mit uns sein. Heil einer kommenden Zeit, in der der Mensch sich auf die alten Götter besinnt und die Freiheit wieder zu schätzen weiß.
„Wollust: für die freien Herzen unschuldig und frei, das Garten-Glück der Erde, aller Zukunft Dankes-Überschwang an das Jetzt.“[61]
„Denn die engeren [Kränze] wurden angefüllt mit ungemischtem Feuer,
die nach diesen folgenden mit Finsternis, dazwischen aber ergießt sich des Feuers Anteil.
In der Mitte von diesen ist die Göttin, die alles lenkt. Denn überall regt sie weherfüllte Geburt und Paarung an, indem sie das Weib dem Manne zur Gattung sendet und umgekehrt den Mann dem Weibe.“[62]
Dank
Vielen Dank an Jana, die mit ihrem Artikel über die europäischen Feuergöttinnen (veröffentlicht in DER GOLEM Nr. 16, 2/2004) diese Kaperfahrt inspirierte und an W. H. Müller, der einige wichtige Details zum Verständnis der Metageographie Roms beitrug.
Ohne die unangepaßten und tiefschürfenden mythologischen Beiträge von Barbara G. Walker hätte dieser Text nie entstehen können. Ihre weibliche Sichtweise jenseits des anerkannten männlich-akademischen Mainstreams hat mehr als alles andere „Vesta und Pales“ beeinflußt.
Hestia, Königstochter, aus des mächtigen Kronos Geschlecht;
Du wohnst inmitten des höchsten, unvergänglichen Feuers:
Weihe die reinen Mysten zum hochheiligen Weihedienst,
Immerblühend, reich an Segen,
reinen Herzens und wohlgesinnt.
(Aus: Orpheus, Altgriechische Mysterien, München 1992)
Anmerkungen:
[1] Boethius: Die Tröstungen der Philosophie. Übersetzt von Richard Scheven, Leipzig: Philipp Reclam jun., o.J., S. 89
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Gott
[3] Die bekannten Verlierer sind Etrusker, Enotrer, Choner, Morgeter, Italer bzw. Sikuler, die nicht bekannten sind alpine Stämme und Völker der mediterranen Urzeit.
[4] Der Palatin ist einer der sieben Hügel Roms, auf dem der Sage nach die Stadt gegründet wurde.
[5] nach anderen Berichten am ersten Tag der Vestalia
[6] http://de.wikipedia.org/wiki/ Mythos
[7] Jana, Europäische Feuergöttinnen, Golem Nr. 16, S. 52f.
[8] griech. Städte holten sich in langen Prozessionen das heilige Feuer vom Hestiaaltar im Apollonheiligtum in Delphi
[9] phryg.-griech. Gott der Fruchtbarkeit und Sexualität, Sohn des Dionysos und der Aphrodite, mit erigiertem Penis dargestellt
[10] Phrygien, antike Landschaft im Zentrum Kleinasiens, heute westliche Türkei
[11] Hekau Chasut = ägypt.: Herrscher der Fremdländer. Völker vermutlich kleinasiatischer und semitischer Herkunft, die im 17. Jh. v.u.Z. die Herrschaft in Ägypten übernahmen.
[12] Walker, Barbara G.; Das geheime Wissen der Frauen, S. 231
[13] siehe z.B. „Der goldene Esel“ des Apuleius, wo ein junger Mann in einen Esel verwandelt wird und in dieser Gestalt allerlei erotische Abenteuer erlebt, durch den Isiskult aber seine ursprüngliche Gestalt wieder erhält
[14] Monaghan, Patricia; Lexikon der Göttinnen, S. 126
[15] Damit dürfte auch klar sein, daß hier diese beiden Göttinnen sehr wohl als einander entsprechend angesehen werden. Da das latinische V auch gleichzeitig für das U stehen konnte, ist sogar ein lautsprachlicher Zusammenhang anzunehmen:
Hestia » Uestia » Vesta.
[16] Dies trifft, nebenbei gesagt, ebenso auf die meisten anderen antiken Götter zu.
[17] Titus Livius, röm. Geschichtsschreiber zur Zeit von Augustus, ca. 59 v.u.Z. – 17 u.Z.
[18] H. v. Heintze, H. Hager, Athene-Minerva. Ihr Bild im Wandel der Zeiten, in: Jahrb. der Max-Planck-Ges. I, 1961
[19] Cebulla, Frank; Schlange und Messias, S. 118
[20] Ein Bischof Palladius soll noch vor dem Hl. Patrick in Irland gewesen sein, um zu missionieren. „Sowohl der Bischof als auch der Heilige scheinen reine Fantasiegestalten zu sein.“, siehe Walker, S. 831
[21] zum Thema Säule ist auch die Verbindung Zeus – Ziu – Tiu – Tiwaz interessant. Die Irminsul wäre dann logischerweise eine Irmen- oder Hermensäule!
[22] Das Totenreich ist ein weiterer Hinweis, denn Hades » Hadad, der aramäische Donnergott, dessen Name synonym zu Baal gebraucht wurde, außerdem Hadad » Hadit » Had » Hödur usw.
[23] Cebulla, bes. Baal II ab S. 120
[24] Walker, S. 830
[25] und vielen weiteren Orten, Bergen, Flüssen und Fluren in Europa und anderswo
[26] Man hat das dann später als Feiertag der Müller und Bäcker umgedeutet, aber vielleicht ging es ja ursprünglich um den Esel als göttlichen Partner der Vesta?
[27] Männliche akademische Etymologen entblöden sich nicht zu behaupten, daß die „in der Hochsprache gemiedenen“ Wörter Fut oder Fotze von der angeblichen indogerman. Wurzel des Wortes ‚faul‘ abstammt, demnach also von *pu als interjektives ‚Pfui‘ für ‚stinkend‘ usw. – siehe z.B. Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch, Berlin 1989 - Ein gutes Beispiel dafür, wie die eigene Weltanschauung sogar die „objektiven“ und über jeden Zweifel erhabenen Ergebnisse der ach so gepriesenen Wissenschaft beeinflußt. Im übrigen liegt die eigentliche Abstammung im völligen Gegenteil: mhd. vut, anord./isl. fuð, engl. fud, mhd. futze sind mit großer Wahrscheinlichkeit auf das vedische puta, rein oder heilig, zurückzuführen und stehen in Verbindung mit Brunnen, Quellen, Höhlen oder Vertiefungen, siehe z.B. lat. puteus, Brunnen oder Grube. Ebenso verwandt mit der allgemeinen Vorstellung des heiligen Gefäßes, z.B. noch im dt. Pott anzutreffen.
[28] Kann man den Anblick eines menschlichen Körperteils verbieten? Dem männlichen Gegenstück ergeht es nicht besser; das steife Glied ist Pornographie und damit öffentlich untragbar und verboten – siehe das „Plädoyer für scharfe Schamlippen“, ein Essay der Verlegerin Claudia Gehrke.
[29] Walker, S. 77
[30] röm. Anna Perenna, Gemahlin des Belus
[31] Apollons Schwester
[32] deren Beiname „die Kühne“ war, Gattin Balders
[33] siehe Donau und Dänemark
[34] nach Gen. 36:24 war es Hannah oder Anah, die als erste wilde Esel in der Wüste entdeckte und ist der biblische Bileam, dessen Esel sprichwörtlich geworden ist, nicht wiederum Baal?
[35] Es gab nur zwei Tempel in Rom, die rund waren, einer war der Vesta geweiht, der Zweck des anderen ist noch ungeklärt.
[36] Monaghan, S. 282
[37] Walker, S. 259
[38] Ebenda
[39] lat. dies veneris, der Tag der Venus, im dt. Freitag, der Tag der Freya
[40] Man könnte aber Jona ebenso für den alten Fischgott Oannes oder Johannes halten, der am Johannistag, d.h. zur Sommersonnenwende, geopfert wurde, indem ihn die Große Fischgöttin Derketo verschlang. Die Übersetzung, daß sich Jona im „Bauch“ des Fisches befand (Jona 2:1), ist falsch, hebr. him bedeutet eher Schoß, Unterleib! Ich favorisiere aber die im Text geäußerte Version, da Iona ‚Taube‘ bedeutet, die ja das allegorische Tier der Venus ist. In Indien galt die Taube als Symbol der Lust und ihr war eine phallische Schlange als Gemahl zugeordnet.
[41] engl. salacious, schlüpfrig, aufreizend
[42] schwed. Pil, das auch Pfeil bedeuten kann; Cebulla, S. 141
[43] Der Name des Gottes Pan stammt ebenfalls von ‚Weide‘ ab, griech. paein!
[44] ein Wort, das ebenfalls ursprachlich mit Baal verwandt ist
[45] Heraklit, Fragmente, S. 10. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 12847
[46] german. übrigens Hertha
[47] Es gibt im übrigen einen ganz realen Zusammenhang zwischen Blitz und Fruchtbarkeit, der auf der Internetseite zu „Schlange und Messias“ unter ‚Ergänzende Materialien‘ dokumentiert ist: siehe http://www.hadit.de/Schlange/schlange.htm.
[48] nur bei Snorri kommt der bekanntere Begriff Bifrost vor
[49] „Feuer der Liebe glüht in aller Tugenden Namen und Feuer des Zorns.“ [Nietzsche: Also sprach Zarathustra, S. 80. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 43565] Dieser antagonistische Aspekt, der in all diesen Göttern mitspielt, ist auffällig genug: Zeus, Mars, Baal, Anat, Athene, Minerva, Hephaistos (der Waffenschmied) usw. sind sowohl mit Liebe und Lust als auch mit Kampf und Krieg verbunden.
[50] Der Erbauer des Janustempels war der legendäre römische König Numa, der seine Weisheit durch die Heilige Hochzeit mit der Göttin Diana erhalten haben soll.
[51] Cebulla, S. 138ff.
[52] Cebulla, S. 140
[53] Die Rune des Donnergottes Thor, Thurisaz, hieß im Altenglischen thorn.
[54] Ein anderes hebr. Wort für ‚Korb‘, ane, hat den Zahlenwert 60 und korrespondiert mit ylk, Instrument, Gerät, Schiff und dem phallischen Buchstaben Samekh, der wörtlich ‚Pfahl‘ bedeutet und hieroglyphisch eine zusammengerollte Schlange zeigt: s. Cebulla, S. 140
[55] Jana, Golem Nr. 16, S. 52
[56] Walker, S. 497
[57] Walker, S. 883
[58] Ebenda
[59] Nietzsche, Der Antichrist, 1888, S. 44
[60] Nietzsche, S. 42
[61] Nietzsche: Also sprach Zarathustra, S. 271. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 43756
[62] Parmenides aus Elea: Fragmente, S. 9. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 12833
Literatur:
Diverse Wörterbücher und Lexika der Mythologie
Walker, Barbara G.; Das geheime Wissen der Frauen, München 1995
Ghazal, Eluan; Yoni und Lingam, Bergisch-Gladbach 1997
Camphausen, Rufus; Yoni – Die Vulva, München 1999
Cebulla, Frank; Schlange und Messias, Kahla 2003
Graves, Robert; Die weisse Göttin, Reinbek 1992
Jana, Europäische Feuergöttinnen, DER GOLEM Nr. 16/2004
Grimm, W. u. J.; Deutsche Mythologie, Wiesbaden 1992
Monaghan, Patricia; Lexikon der Göttinnen, München 1997
Pfeifer, Wolfgang; Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Berlin 1989
CD-ROM „Die digitale Bibliothek der Philosophie“, ersch. bei Zweitausendeins
Worttabellen und zusätzliche Materialien zum Download:
tabellen_vesta.pdf (75 kB)
Erstveröffentlichung in:
DER GOLEM Nr. 17, 3/2005 - http://www.golem-net.de
d60
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