Nach den ganz vorzüglichen Essays in “Adressing Power” kann man auf die neuen Arbeiten des amerikanischen Magiers Stephen Mace gespannt sein, die nun in einem weiteren Band mit dem Titel “Nemesis & andere Essays” erschienen sind. Da die Einleitung (”Faktoren, die die magicksche Praxis beeinflussen”) im Vergleich zu den älteren Texten nichts Neues bringt und “Christliche Magick” (zumindest bei mir) einen recht widersprüchlichen Eindruck hinterlassen hat, bleiben von den fünf Aufsätzen noch drei, die erneut ausgesprochen lesenwert und originell sind.
Besonders hervorheben möchte ich dabei das Titel-Essay “Nemesis - Unentrinnbare Vergeltung und der Untergang des Abendlandes”. Aufbauend auf einer Analyse von Oswald Spenglers “Untergang des Abendlandes” braut Mace einen brisanten und tiefgründigen Cocktail aus Kulturgeschichte, Politik, Soziologie, Mythologie und Magick, der erneut seinesgleichen sucht. Während man hierzulande in der üblichen angstgeschüttelten Manie eher national ausgerichtete Vorkriegs-Autoren wie Spengler ignoriert, weil man es nicht fertigbringt aus irgendwelchen vorgefertigten Ideologien heraus zu einem wirklich freien Geist durchzubrechen, muß uns braven Deutschen ein Amerikaner wie Mace zeigen, wie frisch und fruchtbar man mit einem solchen Stoff umgehen kann. Das gefällt mir, SO muß man schreiben - oder schweigen! (more…)
Der Name Stephen Mace besitzt für die moderne Magick einen guten Klang und erstrecht für die Leser des Magazins DER GOLEM, die bereits mehrfach Gelegenheit hatten, Essays von ihm zu genießen. Obwohl man geneigt ist, das vorliegende schmale Heftchen von 45 Seiten mit dem Titel “Die virtuelle Mechanik der Zauberei” als Buch nicht ernstzunehmen, besteht diese Gefahr für den Inhalt keineswegs! Denn mit zunehmendem Hineinlesen in die sechs Kapitel des Essays steigt eine Faszination auf, die ihresgleichen sucht. Man muß an dieser Stelle einmal deutlich sagen, daß es einen magischen Autor von solcher Dichte und Originalität derzeit in Deutschland (leider) nicht gibt. Die Altmeister schweigen hierzulande oder schreiben beschauliche Lehrbücher mit dem Käse von gestern, der sich immer noch gut verkaufen läßt - und neue Visionäre lassen auf sich warten.
Ich kann Stephen Mace nicht ganz beipflichten, wenn er anfangs schreibt, daß wir “magick-sche Mechanismen nur nach unserem Willen einsetzen können, wenn wir sie verstehen” - die bisherige Geschichte der Magie spricht dagegen - aber zweifellos gewinnt man durch die Lektüre seiner umfangmäßig kleinen, aber inhaltlich “dicken” Schrift eine solche Menge an magischem Verständnis dazu, daß dies einer Offenbarung gleicht. (more…)
Mathematik, Kabbala und das Geheimnis des Aleph
Manche glauben heutzutage immer noch, daß Bücher erscheinen, weil Autoren sie gerne schreiben wollen. Die Tatsache, daß ein Buch eben ein Produkt ist und für einen speziellen Markt gezielt konzipiert und hergestellt wird, erscheint absurd, ist aber mehr und mehr der Fall. So ein Kochrezept hat wohl auch beim vorliegenden Titel ursprünglich Pate gestanden: Man nehme einen wortgewandten Experten aus einem bestimmten Wissensbereich (in diesem Fall ein Professor für Mathematik und Statistik), läßt ihn über ein faszinierendes Thema, das die Mehrzahl der Leser vermutlich nicht versteht, aber gern verstehen würde, schreiben (z.B. gewisse Teilgebiete der höheren Mathematik wie die Zahlentheorie), würzt das Ganze mit einem gehörigen Schuß Rätsel und wissenschaftlicher Abenteuerlust (die Unendlichkeit und merkwürdige Paradoxa), tut noch ein wenig Mystizismus dazu (hier die Kabbala und jüdische Mystik) und fertig ist ein Bestseller! Ein solches Rezept bringt es mit sich, daß das fertige Buch nicht unbedingt umfangreich werden (überschaubare Kapitel) und auch nicht zu sehr in die Tiefe gehen darf, weil sonst die Gefahr besteht, daß das kaufende Klientel nach den ersten Dutzend Seiten intellektuell überfordert und enttäuscht aufgibt. Infolgedessen mutet der Autor an doch nicht wenigen Stellen dem um Verständnis ringenden Leser mathematische Fachbegriffe zu, die er nirgendwo erklärt, während er woanders sehr schön Schritt für Schritt schwierige Themen nachvollziehbar aufbaut. Ein Blick ins Internet bestätigt diese Sichtweise, gibt es doch mittlerweile Mathematiklehrer, die sich dazu berufen fühlen, einzelne Passagen des Buches noch einmal langsamer, umfangreicher und für den Leser einfacher zu erklären.
Ich will damit nicht sagen, daß Aczels Buch nicht verständlich wäre, ganz im Gegenteil. Wer bereit ist, sich in die logische Kunst der Mathematik hineinzudenken und den Mißmut zu vergessen, den etliche Jahre Schulunterricht in dieser Hinsicht angehäuft haben, stößt auf wirklich wunderbare, unglaubliche und fruchtbare Schätze. Die Freude am Denken nicht verlernt zu haben, kann eine sehr angenehme Erfahrung sein. (more…)
Über den modernen Imperialismus
Ich habe an dieser Stelle hin und wieder auch politische Bücher vorgestellt, vielleicht weil ich einfach der Meinung bin, daß es für geistig freie Menschen sehr wichtig ist, sich nicht von den schönen und durchweg falschen Fassaden der Informations- industrie abspeisen und blenden zu lassen.
John Pilger war lange Jahrzehnte ein Teil dieser Industrie und man kann fast in jeder Zeile des Buches wahrnehmen, wie ihn seine journalistischen Erfahrungen (z.B. als Berichterstatter im Vietnam-Krieg) neu prägten, desillusionierten und verändert zurückließen. Von 1970 an bis zum heutigen Tag ist der Autor für seine mutige Suche nach Wahrheiten, die man in den täglichen Medien ignoriert, mit vielen journalistischen Auszeichnungen geehrt worden. Trotzdem existiert in Deutschland keine einzige Tageszeitung, die seine Berichte und Kolumnen drucken würde. Warum das so ist, begründet Pilger selbst, denn er beschreibt den modernen Tagesjournalismus als gehorsame Maschinerie, die nicht müde wird, unwichtige und sensationslüstern aufgebauschte Nachrichten zu wiederholen, während die wirklich wichtigen Informationen und Hintergründe verschwiegen werden. Am Beispiel der Entstehung des Rupert-Murdoch-Medienimperiums wird dies ausführlich dargelegt. Dieser kritische Blick eines Journalisten auf das “Medienzeitalter”, das Pilger als “kulturelles Tschernobyl” bezeichnet, ist die große Stärke des Buches und hebt es von anderen zeitkritischen Titeln ab. Die Fakten, die Pilger vorbringt, sind überwältigend, schockierend und oft aus der direkten Erfahrung geschildert. Aus diesen Fakten heraus stellen sich dem aufmerksamen Leser Fragen über Fragen, über die man sich dann selbst Gedanken machen muß. Z.B. warum eine jüdische Spendenorganisation wie United Jewish Appeal einen Mann wie Murdoch, dessen Schmierenblätter und Privatsender den primitivsten Sex/Crime/Money- Schund verbreiten, zum “Wohltäter des Jahres” deklariert. Wessen Wohl ist hier gemeint? (more…)