Robert Anton Wilson: Cosmic Trigger (II)
Es muß gegen Ende der 80er Jahre gewesen sein, als mir (noch in der damaligen DDR) ein Freund ein Taschenbuch “aus dem Westen” in die Hand drückte, mit der lapidaren Bemerkung “Lies das, es wird Dich interessieren.” Dieses Buch war Cosmic Trigger von Robert Anton Wilson und wie sich herausstellen sollte, interessierte mich das Buch nicht nur, sondern riß mich regelrecht vom Hocker und schoß meinen Geist irgendwo in die Region zwischen Sirius und dem Hyperraum. Kurz gesagt, es war der Hammer! Zum ersten Mal las ich das, was ich schon immer lesen wollte; und neben den wunderbaren Mysterien, die der Autor mit einer gehörigen Portion Witz und Selbstironie vor mir ausbreitete, erfuhr ich zum ersten Mal von Aleister Crowley (der mich die kommenden Jahre beschäftigen sollte), von psychedelischen Drogen, Quantenpsychologie, der geheimen Weltver- schwörung und dem ganzen herrlichen Wahnsinn, der mich fortan in einen heiligen Bann schlug und bis zum heutigen Tag nicht mehr losgelassen hat. Cosmic Trigger war nicht einfach nur ein Auslöser, sondern eine Initiation!
Der ursprüngliche, also erste Teil von Cosmic Trigger wurde schon 1976 veröffentlicht und nun, ganze 30 Jahre später und 15 Jahre nach Erscheinen der englischen Originalausgabe des zweiten Teils “Down to Earth” ist diese Fortsetzung nun endlich auch in deutscher Sprache im Phänomen Verlag verfügbar. Wie ausgeschlafen dieses Deutsch-Land doch wieder mal ist, man ist beeindruckt. Die internationalen Offenbarungen von vorvorgestern sind hier immer noch eine Überraschung wert.
Nun, RAW, einer von Millionen diskordianischen Päpsten, hält trotzallem immer was er verspricht und so mußte ich Cosmic Trigger II innerhalb von 2 Tagen verschlingen, ohne innehalten zu können, nur von den notwendigsten Tätigkeiten des Alltags unterbrochen.
Mir ist nicht ganz klar geworden, was den zweiten Teil zu einer Fortsetzung des ersten Cosmic Trigger macht. Wilson greift zwar wieder reichlich in den Fundus des eigenen Lebens, aber “Down to Earth” ist etwas erdständiger, ernsthafter und reifer und ähnelt vielen kleinen Vorträgen, die sich einer ganzen Bandbreite von Themen widmen. Da ist natürlich Wilsons Lieblingsthema, die menschliche Wahrnehmung und die vielfältigen Schwierigkeiten mit dem, was wir gewöhnlich Realität nennen, einschließlich der ungewöhnlichen und augenöffnenden Konsequenzen und Perspektiven. Da ist Wilsons rationaler Futurismus, der uns die Informationsverdopplung im Laufe der Evolution vor Augen führt und natürlich der amüsante Quantenphysiker. Da sind Synchronizitäten und taoistische Bezüge, eine Spur ganz alltäglicher Erleuchtung, die semantische Zwickmühle und der kräftige Strahl Pisse aufs Weiße Haus. James Joyce und Buckminster Fuller – wie könnte es anders sein – haben ihren Auftritt und Begebenheiten, historische Ereignisse, Geschichten und kleine Storys aus Wilsons Leben führen uns immer wieder vor Augen, daß unsere eigenen Dogmen wie ein Filter wirken, der verhindert, daß wir einen freieren Blick auf die Welt einnehmen können. Dies erinnerte mich an einen kleinen Artikel über Wilson, der online auf jungle-world.com veröffentlicht wurde. Dort findet nämlich der Schreiber RAW „besorgniserregend tief in rechtsextreme Ideen versenkt“. Obwohl Wilsons Multimodell-Theorie und sein Beharren auf Anwendbarkeit im Artikel gewürdigt werden, kann der Autor seine eigene Blindheit auf dem (in Deutschland unumstößlich) politisch-korrekten rechts-links-Auge nicht überwinden. Mein Beileid! Aber dies nur am Rande …
In seinen Vorträgen hat Wilson die Zuhörer immer wieder gefragt, ob “einer von ihnen jemals freiwillig die ganze Wahrheit über irgend etwas einem Staatsbeamten erzählen würde. Niemand hat je die Hand gehoben.” Und so bleibt es nicht aus, daß man die gehörige Dosis der zu dieser Zeit aktuellen Lieblingsverschwörung Wilsons mit verkraften muß; in Cosmic Trigger II wird der Fall von „Gottes Bankier“ Roberto Galli und der Loge P2 in Italien genauestens ausgebreitet. Wer nach dieser Lektüre immer noch der Meinung ist, daß Verschwörungen nur im paranoiden Hirn von Esoterikern und Rechtsradikalen existieren, muß feststellen, daß die politische Wirklichkeit auf diesem Planeten nachgewiesenermaßen viel paranoider ist als man es sich selbst je ausmalen könnte. Wilsons Zen-Humor und Meta-Realität verhindern jedoch auch in diesem Fall, daß allzuviel Bierernst im Spiel ist.
Was diese ganzen Ideen und Themen eigentlich miteinander zu tun haben? Na ja, diese Frage läßt Wilson offen oder besser gesagt, er überläßt es dem Leser analog-kabbalistische Querverbindungen zu entwickeln – auch eine Art Gehirntraining oder Mindfuck oder beides. Der heiße Draht zum Sirius taucht übrigens nicht mehr auf. Wilson hatte dazu mal in einem Interview bemerkt: “Eineinhalb Jahre glaubte ich fest daran, Kontakt zu Außerirdischen vom Sirius zu haben. Heute tue ich das auch noch. Jeden Donnerstag nachmittag 2 Stunden.”
Ich mußte auch überlegen, was es wohl gewesen ist, das den zweiten Teil für den Rowohlt Tb-Verlag zu einer unmöglichen Publikation werden ließ (der immerhin mit Cosmic Trigger und der Illuminatus-Trilogie und anderen Wilson-Titeln über die Jahre sicher nicht schlecht verdient hatte). Lag es daran, daß wir es hier nicht mehr mit einer phantasievollen Geschichte, einer typischen, popkulturellen Story Wilsons, zu tun haben, sondern eigentlich mit einem aufklärerischen Sachbuch? Lag es an einem überdeutlichen “Scheiß auf die Regierung”, das aus fast jeder Seite zornig hervorbricht oder an der Erwähnung des ersten Irak-Krieges, der nun eine unheilvolle Neuauflage gefunden hat und langsam aber sicher zu einem zweiten Vietnam der USA wird? Ich weiß es nicht. Wenn man sich Art und Niveau der jährlichen Neuerscheinungen der Großverlage ansieht, muß man zwangsläufig zu der Meinung kommen, daß die einst gefragte und revolutionäre Literatur der Hippies, Beatniks, Bewußtseinspioniere und anarchischen Pop-Philosophen wirklich nur noch für die abseitigsten Kleinverlage taugt. In hohen Auflagen würden solche Titel wohl die gehirngewaschenen, schlafenden Durchschnittsbürger (oder “domestizierten Primaten”, wie RAW immer so schön sagt) mehr als überfordern.
Sei es drum! Für alle, die Wilson lieben und denen er mit seiner unverwechselbaren Mischung aus heiligem Zorn und Optimismus aus der Seele spricht, ist Cosmic Trigger II sowieso Pflichtlektüre. Und allen anderen kann das Buch nicht empfohlen werden, denn sonst besteht die reale Gefahr, daß ein paar Sicherungen durchbrennen und aus Buchhaltern, Bankangestellten und Versicherungsvertretern erleuchtete Quanten-Boddhisattvas mit einem Hang zu Marihuana und Sexualmagie werden – mit unübersehbaren Konsequenzen für das Raumschiff Erde. Heil Eris!
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