Angel Crespo: Fernando Pessoa - Das vervielfältigte Leben
Biographien können eine ausgesprochen inspirierende Lektüre sein. Die Protagonisten - meistens Künstler, Schriftsteller, Politiker u.ä. - spiegeln mit ihrem Charakter, Leben und Werk das eigene Leben und diese komplexen, manchmal sogar unbequemen Reflexionen machen Biographien interessant für ganz normale Leser wie Du und Ich. Man fühlt sich quasi in Raum und Zeit verrückt, lebt, liebt und leidet das - vielleicht sogar abenteuerliche oder exzentrische - Leben eines anderen Menschen mit und wächst so in seinem eigenen Leben ebenfalls ein Stück weit mit.
Als ich Marco Pasis Buch “Aleister Crowley und die Versuchung der Politik” las, fiel mir besonders das ausgesprochen interessante Kapitel über den portugiesischen Dichter Fernando Pessoa auf, der ja selbst offensichtlich auch ein inspirierter Esoteriker war und den berühmt-berüchtigten Magier Crowley nicht ohne “Nebenwirkungen” 1930 persönlich kennenlernte. Also besorgte ich mir die nicht gerade billige Biographie von Angel Crespo “Fernando Pessoa - Das vervielfältigte Leben” (Ammann Verlag) und begann mit intellektuellem Heißhunger zu lesen - gepannt darauf, mehr über Pessoas Leben und Werk zu erfahren. Leider gewann ich im Laufe der immer mühseliger werdenden Lektüre den Eindruck, daß Crespo - Pessoa-Experte oder nicht - kaum der geeignete Biograph für Pessoa ist.
Crespo nähert sich seinem Thema auf intellektuell-rezensierende und literaturwissenschaftliche Weise, eine trockene und sogar langweilige Art, hinter der der Mensch Pessoa nicht selten völlig zurück bleibt und man sich selbst nach mehr als 200 Seiten Lektüre immer noch fragt: he, aber was ist nun mit dem Menschen Pessoa? Wie lebte er, was dachte er, in welchem Umfeld agierte er? Sicher kann man hier und da die entsprechenden biographischen Informationen finden, aber Crespo gefällt sich darin, die -ismen des intellektuellen Literaturbetriebes Portugals durchzukauen: Paulismus, Sebastianismus, Intersektionismus, Sensationismus, Futurismus usw. Vieles an diesbezüglich grundlegendem Wissen, das einem Verständnis des Lesers entgegenkommen würde, bleibt dabei gleichzeitig außen vor. Crespo setzt zu viel voraus, bewertet ständig, mischt sich mit seiner eigenen Meinung dazwischen - kurz, nimmt sich selbst zu wichtig. Ein Biograph muß die Fähigkeit besitzen, zugunsten seines Protagonisten zurückzutreten, Crespo kann das an vielen Stellen nicht.
Wichtige Werkbereiche Pessoas, wie die esoterischen Schriften, bleiben blass und nichtssagend. Man liest das Kapitel und ist hinterher genauso schlau wie vorher. Wichtige Lebensbereiche Pessoas, wie seine mögliche Homo- oder Bisexualität, werden (entgegen den Ankündigungen des Klappentextes) am äußersten Rand gestreift oder gänzlich umschifft. Dabei bewegte sich Pessoa zeit seines Lebens schon auffällig in einem homosexuellen Freundeskreis (auch Crowley liebte derartige Erfahrungen). Mit Ausnahme von Sa-Carneiro bleibt dieser Freundeskreis ebenso farblos und ohne Leben. Obwohl Pessoa selbst jüdischer Abstammung war, plante er die Veröffentlichung von offen antisemitischen Schriften (wie z.B. die “Protokolle der Weisen von Zion”). Auch dazu erfährt man von Crespo nichts. Offenbar war dieses Thema dem “Pessoa-Experten” zu heiß …
Ein weiteres hinderliches Problem für den aufgeschlossenen Leser ist die ständige Konzentration auf Pessoas sogenannte “Heteronyme”, quasi Pseudo-Persönlichkeiten, unter denen er sein oft widersprüchliches Werk und seine Dichtung veröffentlichte. Crespo behandelt sie im ganzen Buch wie lebende Personen und kommt sich dabei offenbar sehr originell vor. Er schreibt also beispielsweise vom Exil von Ricardo Reis in Brasilien oder daß Alvaro de Campos Pessoa bei bestimmten Dingen widersprochen hätte usw. Da es sich bei all diesen Heteronymen um Pessoa selbst handelt (und dieser z.B. nie in Brasilien war), wird der Leser ständig in Verwirrung gestürzt und muß überlegen, wer jetzt hier eigentlich gemeint ist und ob die gerade getroffene Aussage nun ernstzunehmen ist oder nicht. Auch die eher zurückhaltenden Zitate aus dem Werk Pessoas sind nicht das Gelbe vom Ei. Bei einer nur oberflächlichen Recherche zu Textzitaten Pessoas im Internet habe ich deutlich interessantere Stellen und Gedichte gefunden als in dieser Biographie. Auch ein Sach- und Personenregister gehört einfach ans Ende einer Biographie, fehlt hier aber ebenso. Wenn man mehr über Pessoa wissen will, kommt man um dieses Buch nicht herum, aber wirklich befriedigend ist das Ganze nicht. Der Schilderung fehlt es einfach an Ambiente, atmosphärischem Charakter, literarischem Stil - alles zu theoretisch, zu trocken, zu farblos. Die wenigen Seiten, die Pasi zu Pessoa geschrieben hat, sind bei weitem faszinierender als die ganze Biographie Crespos. Schade …
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