Henry Miller: Sexus

Stephen Mace Nemesis“Wir sind alle des Verbrechens schuldig, des großen Verbrechens, daß wir das Leben nicht voll leben. Aber wir haben alle die Möglichkeit, frei zu sein. Wir können aufhören, daran zu denken, was wir zu tun versäumt haben, und können tun, was in unserer Macht liegt.”
Vermutlich haben schon viele - meistens wohl männliche - Jugendliche zu Henry Miller gegriffen, um den sexuellen Kitzel, das Skandalöse und “Versaute” zu suchen und dann enttäuscht nach ein paar Seiten aufgegeben. Der Grund dafür ist einfach: Es handelt sich um wahrlich große Literatur, die nicht einfach zu lesen ist und alles abverlangt! “Sexus” bildet da keine Ausnahme. In diesem “obszönsten seiner Bücher” (New York Times) findet der Leser nichts Obszönes, jedenfalls nichts, was dieser Bezeichnung im politisch korrekten Wort-Ranking der paranoiden Komm-her-geh-weg-Moral der Mediengesellschaft nahe kommen würde - vorausgesetzt, der Leser ist ehrlich genug, sich einzugestehen, daß dies alles sowieso in einem Winkel seines Kopfes fröhlich vor sich hin sprießt. Ohne ehrliche Selbst-Reflexion kommt man ohnehin nicht weit in diesem “Roman”, denn die gnadenlose Ehrlichkeit des Autors sich selbst und der Welt gegenüber schlägt alles, was ich jemals in dieser Beziehung gelesen habe.
“Sexus” bietet keinen Erzählstrang im herkömmlichen Sinne; eine fortlaufende Geschichte mit Anfang und Ende oder stilvollen Höhepunkten existiert nicht. Die Kapiteleinteilung ist völlig wahllos; man hat eher den Eindruck, der Autor schreibt wie in einem Sprach-Delirium bis zur völligen Erschöpfung und schließt dann ein Kapitel, nur um im nächsten das Ausleben seines heiligen Wahnsinns von vorn zu beginnen. Vordergründig beschreibt Miller autobiographisch seine rastlosen Jahre in New York, seine Tätigkeit bei der “Kosmokokkischen Telegrafengesellschaft”, seine Ehe mit und seine Scheidung von Maude, seine große Liebe zu Mona, seine gleichzeitig unentwegten sexuellen Abenteuer, seine Freunde, Kollegen, Mitmenschen, seine literarischen Ambitionen und philosophischen Reflexionen. Doch worum geht es ihm wirklich? Ich möchte darauf mit einem einzigen Wort antworten: ZEN. Ich weiß nicht, ob schon mal jemand Millers Werk mit Zen verglichen hat, aber m.E. trifft nichts besser den Kern seines Strebens. Versuchen wir uns dieser zugegebenermaßen etwas merkwürdigen Einschätzung etwas zu nähern.
Beginnen wir mit Millers Quelle, die man als reine göttliche Inspiration bezeichnen kann. Miller schreibt wie besessen, er kann nicht anders, er hat keine Chance zu überlegen, zu komponieren, Konstellationen zu arrangieren; all das ist nichtig gegenüber dem stetigen, unglaublich kraftvollen Strom, der aus ihm hervorbricht, als ob er von einem dämonischen Vulkan der Sprache gespeist wird. Hinter ihm stehen die Götter - die Götter des Sexus natürlich, aber auch die der Dichtung, der Wahrheit, der Liebe, der Leidenschaft. Sein Text erscheint wie ein fortlaufender Orgasmus, ein literarisches Ejakulat - nur selten etwas zurückgenommen oder abgeschwächt wie in einer Phase kurzzeitiger Erholung, bis erneut die Peitsche niedersaust und ihn mit einer Energie vorantreibt, die man in normaler Unterhaltungsliteratur vergeblich sucht, ja dort unmöglich scheint. Obwohl er Prosa schreibt, ist seine Essenz keineswegs prosaisch, sondern zutiefst spirituell.
Wie paßt das mit der freizügigen, pornographisch geschilderten Sexualität zusammen, die dem Leser bedenken- und schrankenlos um die Ohren gehauen wird? “Wenn der Mensch anfängt, sich zu erlauben, seinen Gefühlen vollen Ausdruck zu verleihen, wenn er sich ohne Angst vor Lächerlichkeit, Ächtung oder Verfolgung auszudrücken vermag, wird das erste, was er tut, darin bestehen, daß er seine Liebe ausgießt.” Miller ist Enthusiast, in der Lust genauso wie im Leiden, er schöpft aus dem vollen, kann sich zu keiner Zeit mit Mittelmaß, Biederkeit, Anpassung, Langeweile zufrieden geben. Erstaunt wird man die Omnipotenz des ständig und täglich und immer wieder fickenden Protagonisten des Buches zur Kenntnis nehmen und natürlich ist diese unersättliche Wollust überzogen und unglaubwürdig. Aber das besagt gar nichts. Denn hier fickt kein Mensch, keine Romanfigur, kein angehender Schriftsteller; hier fickt ein dionysischer Gott und seine Wollust speist sich aus einem kosmischen Urgrund. Sein Begehren richtet sich auf die Welt als Ganzes, wohl auf jede Frau, aber genauso auf jede Faser der Existenz, auf das Leben an sich, auf den Duft des Frühlings und der Müllkippen, auf die Blume im Rinnstein, das Erbrochene des Betrunkenen, die Augen eines Tieres, die Sterne, das Licht, die Tunnel und Abgründe der Nacht, den Wein der Erkenntnis, das menstruierte Blut, die Farbe des Haares und weiter, weiter, ewig immer so fort. Ohne Innehalten. Genau das ist Zen. Es ist wunderbar zu lesen, wie uneingeschränkt offen und vertrauensvoll dieses kosmische Begehren Frauen gegenüber auftritt. Der Gott findet in jeder Frau eine Göttin, überall die Schönheit, die Würde, die Liebe, die Kraft - er erhebt, wenn er nur einen Funken ungetrübten, wahrhaftigen Gefühls wahrnimmt und verdammt haßerfüllt, wenn das Leben aus Schwäche abgelehnt wird. Dazwischen gibt es nichts. Diese Art von Männlichkeit ist nichts für angepaßte Softies und farblose Feministinnen und der Vorwurf des Sexismus ist vermutlich noch der geringste, den Miller zu seinen Lebzeiten ertragen mußte und - vermutlich - mit einem ironischen Lächeln quittierte.
Göttliche Inspiration und göttliche Sexualität. Hinzu kommt die schonungslose Wahrnehmung ohne Vernunft. Aus einer vernünftigen Perspektive betrachtet, verhält sich Miller im Buch (in seinem Leben?) oft wie ein Schuft, ein Irrer und Lügner, Preller, Angeber, Ehebrecher usw. Aber keinem Zen-Meister ging es jemals um Vernunft! Welch blasser, energieloser Ersatz für das Leben und die Welt. Schonungslose Wahrnehmung (eben auch sich selbst gegenüber) spart nichts aus, verschweigt nichts, praktiziert eine Ehrlichkeit, die so befreiend wirkt, daß es nicht selten schmerzt. Miller geht es auf jeder Seite um die Ergründung des menschlichen Gefühls und selbst in den philosophischen und religiösen Spekulationen sind es nicht die stringenten Gedanken und Schlußfolgerungen, die er sucht, sondern reine Wahrnehmung des Seins in all seinen Facetten. Er bevorzugt das weibliche Verständnis vor dem männlichen Verstand.
Miller hat demzufolge den “Weltverbesserer” in mir hart angegriffen, denn seine Art von Erkenntnis erstrebt kein Urteil und keine Revolution, sondern ungetrübtes Schauen ohne jede Art von Schleier vor dem Auge. Letztendlich ist diese Erkenntnis ERFAHRUNG. “Die Welt braucht nicht in Ordnung gebracht zu werden: Die Welt ist formgewordene Ordnung. An uns ist es, uns in Einklang mit dieser Ordnung zu bringen, zu wissen, was die Weltordnung im Gegensatz zu den Ordnungen unseres Wunschdenkens ist, die wir einander aufzuzwingen suchen.”
Dieses Buch kann mit großem Genuß für Körper und Seele gelesen werden. Man fühlt sich verwandt oder läßt es bleiben. “Zweck der Selbstzucht ist es, die Freiheit zu fördern. Aber die Freiheit führt zur Grenzenlosigkeit - und Grenzenlosigkeit ist erschreckend.” Dem ist nichts hinzuzufügen.

Kommentar (1) zu “Henry Miller: Sexus”

  1. Soliton 91 schrieb:

    …und für 0,25 € zu haben… (ok, plus 3 € Versandkosten)

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