Von Löwen und Lämmern

Von Löwen und LämmernWährend die Kritiker-Elite ausgiebig und süffisant darüber streitet, ob nun die kranken Folterexzesse in “Hostel” oder “Saw IV” nicht doch kritische Anspielungen auf Abu Ghraib sind, ist man sich mehr oder wenig darüber einig, daß das Polit-Drama “Von Löwen und Lämmern” (Regie: Robert Redford / Script: Matthew Michael Carnahan) nur durchschnittlich ist, nicht hält was es verspricht, zu belehrend wirkt, keine neuen Argumente bringt und was dergleichen platte Attitüden mehr sind. Wenn das mediale Establishment pikiert reagiert, sollte man sich das Ziel der Attacke am besten gleich selbst ansehen - in der Regel entdeckt man hinter den ach so enttäuschenden Kindern des Mainstreams recht ordentliche Überraschungen, sehens- und empfehlenswert.
“Von Löwen und Lämmern” macht da keine Ausnahme. Der Film besteht aus mehreren Episoden, die auf eine offensichtliche und wenig dynamische Art miteinander verknüpft sind. Doch während diese filmische Technik in “Babel” recht herbeikonstruiert wirkt, besitzt sie hier eine letztendlich schlüssige und den Zuschauer beeindruckende Logik.
Episode eins: erfahrene Top-Journalistin (Meryl Streep) wird bei erfolgreichem Senator (Tom Cruise) vorgeladen und soll dessen neue “Kriegsstrategie” in Afghanistan (die zum Sieg führt, “koste es was es wolle”) medial überzeugend verkaufen. Episode zwei: zwei Soldaten einer Elite-Truppe müssen just in diesem Augenblick als Bestandteil von Ehrgeizlings Sandkasten-Kriegsspielchen ins Gras beißen (für die großen Ziele versteht sich, die Nation, die Freiheit, die Demokratie), es dürfte klar sein, daß sie exemplarisch für Tausende von Opfern sind, Kanonenfutter für Machtonanie am grünen Tisch. Episode drei: renommierter und resignierter Professor (Robert Redford) der Politikwissenschaften (dessen Studenten die zwei Soldaten einmal waren) versucht, die gelangweilte und zynische Jugend von heute aufzurütteln und zu mehr Engagement und Idealismus zu bewegen.
So weit, so gut. Zwei Drittel des Films bestehen aus Dialogen. Man muß sich konzentrieren, dran bleiben, überlegen, mitdenken. Auch gut. Die Stärken des Films bestehen für mich nicht in der offensichtlichen Kritik an der amerikanischen Regierung und deren Kriegspolitik, darüber dürfte sich das liberale Amerika doch längst einig sein … Wirklich beklemmend kommt der Film daher, wo es um persönliche Möglichkeiten des Lebens und Überlebens, um Fragen und Ansätze zu deren Beantwortung geht. Da sind die Lügen, die Machtgier, die korrumpierten Medien … jeder, der halbwegs intelligent ist und noch ein wenig Ehre und Gewissen im Leib hat, weiß das. Aber spannend wird es erst an dieser Stelle. Was mache ich mit dieser Erkenntnis, wie gehe ich damit um, hier bei mir, in meinem Kopf, in meinem Leben, in meinen Diskussionen und Handlungen?
Die “Lösungsvariante” der beiden Soldaten erscheint dabei am merkwürdigsten. Ihre Auffassung von Ehre und Würde verlangt den persönlichen Einsatz bis zur Aufgabe des eigenen Lebens. Hört auf zu schwätzen, packt endlich mal was an. Setzt euch ein. Auch wenn der Film hier den üblichen amerikanischen Pathos verpackt, ist doch offensichtlich wie nutzlos, naiv und überflüssig dieses Opfer ist. Erstaunlich unverblümt führt der Professor diese Art von Überzeugung ad absurdum, indem er an den Ersten Weltkrieg erinnert, wo die einfachen Soldaten auf beiden Seiten der Frontlinie heldenhaft kämpften und von ihren Feinden nur das Beste hielten - während sie zu Hunderttausenden in den Schützengräben, Gasangriffen und Artillerieschlachten verreckten. Für die großen Ziele versteht sich, die Nation, die Freiheit … na ihr wißt schon.
Die Methode des Professors selbst besteht darin, an das Gewissen der intellektuellen Elite zu appellieren und sie in einen anderen Krieg zu schicken - den Kampf um die Zukunft in einer Gesellschaft, die gerade dabei ist, diese Zukunft in großem Maßstab zu verspielen. Hier haben wir die Verbesserung der Welt durch die Weltverbesserer, eine Haltung, die mir selbst nicht fremd ist - und vielleicht daher mich am wenigsten überzeugte. Nicht ohne Grund wirkt der Professor müde und verbraucht, wie ein Spätrevolutionär, der noch im Altersheim seine vermeintlich rebellischen Thesen an den Mann und die Frau bringen will. Das wir uns nicht falsch verstehen: auch ich halte diese Welt für verbesserungswürdig und verbesserungsfähig, doch an die intellektuellen Eliten, die klugen Köpfe mit dem Herz am richtigen Fleck und dem ultimativen Manifest in der Tasche zu appellieren, wirkt nicht weniger naiv als die Maschinengewehr-Überzeugung der Jungs in Uniform, die meistens aus den Randregionen des amerikanischen Traums stammen. Deren falscher Stolz hält sich die Waage mit dem heuchlerischen Zynismus der guten Jungs mit den guten Zensuren.
Doch da haben wir noch die Reporterin, die von Meryl Streep so genial verkörpert wird, daß sie Altmeister Robert Redford an die Wand spielt. Vierzig ganze Jahre ist sie bereits im Geschäft und sie kennt sich bestens aus. Sie ist keine Revolutionärin, keine Pseudo-Intellektuelle, vielleicht nicht mal eine Liberale. Aber dann kommt dieser eine Punkt, der Punkt, an dem sie aufhört mitzumischen. Ihre Botschaft “es ist genug, bis hierhin und nicht weiter, ohne mich” ist emotional viel stärker als argumentativ (auch wenn sie natürlich die richtigen Fragen im Interview stellt). Der Film läßt offen, ob ihre Karriere damit beendet ist oder nicht, aber man spürt, daß ihr auch dies egal wäre. Was zu viel ist, ist zu viel. Die Ehrlichkeit, Ent-Täuschung, Gewissen-Haftigkeit, die hier zu Tage tritt, fehlt den meisten Massenmenschen in der massenhaft manipulierten Gesellschaft. Doch ist es genau das, was den “Zu-Spät-Kapitalismus” zu Fall bringen kann: ein Schneeball-Effekt von Leuten, die die Nase so voll haben, daß sie bereit sind aufzuhören und auszusteigen. Der Professor möchte uns ermuntern, Teil der Maschinerie zu werden, im Imperium nach oben zu steigen, um von dort etwas zu verändern. Sorry, wieviele Aufsteiger gibt es im System, die einmal mit den besten Absichten angefangen haben und was tun diese Leute heute? Das erinnert mich an die überzeugten Kommunisten in der DDR, die in die Partei eintraten, um das System von innen heraus zu verändern, bis sie später gar nicht mehr merkten, daß sie zu willigen Werkzeugen der Macht geworden waren. Im Gegensatz dazu brauchen wir massenhaft Leute wie die Journalistin, die dem Imperium den Rücken kehren, nicht mehr mitspielen, ihr eigenes Ding fernab der medialen Öffentlichkeit drehen, nichts mehr abkaufen - die bunten wertlosen Plastikdinge nicht und die Lügen und falschen Appelle nicht.
“Von Löwen und Lämmern” schafft es spielend, Fragen und Diskussionen anzuregen. Wer ihn sich in einem Kreis von aufgeweckten Leuten ansieht, wird hinterher keinen Mangel an Gesprächsthemen haben.
Und noch eine Anmerkung am Rande: Um Tom Cruise ist in letzter Zeit viel Wind gemacht worden wegen seiner Scientology-Mitgliedschaft. Man muß Scientology nicht mögen um einzugestehen, daß er als Schauspieler einen verdammt guten und inhaltlich überzeugenden Job macht. Und wenn die Rollen, die er sich aussucht und das, was er darin rüberbringt nicht nur eine Frage der Gage ist, sondern Ausdruck einer gewissen Wahrhaftigkeit seiner Person, dann kann er meinetwegen auch Mitglied der Church of Satan, der Heiligen der letzten Tage, des Vereins markensammelnder Hausfrauen oder tierliebender Fetischisten sein. Vielleicht ist es ja wiederum genau das, was den Machern und Meinungsbildnern an ihm nicht paßt, womit wir wieder beim Ausgangspunkt angelangt wären …

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