Tobias Jaecker und die Verschwörungstheorien
4. Mai 2011
Der nachfolgende Kommentar bezieht sich auf ein Interview mit dem Titel “Verschwörungstheorien im Internet - Eindeutig, scheinbar schlüssig - und kaum zu widerlegen”, das Tobias Jaecker auf tagesschau.de gegeben hat:
Werter Herr Jaecker,
eigentlich wollte ich nur einen kurzen Kommentar zu Ihrem heute veröffentlichten Interview zu “Verschwörungstheorien” auf tagesschau.de hinterlassen, aber wie ich kurze Zeit später feststellen mußte, war die Kommentarfunktion schon deaktiviert. Ich nehme an, es gab bereits zu viele mißliebige Kommentare, die die geplante agitatorische Funktion Ihres Artikels zu sehr in Frage stellten. Da muß man in einem Land, in dem die freie Meinungsäußerung verfassungsmäßig garantiert ist, anscheinend gleich dicht machen. Alles weitere wäre zu gefährlich … Ich nehme dieses traurige Beispiel von alltäglicher Zensur daher zum Anlaß ein paar Zeilen mehr als ursprünglich geplant zu schreiben.
Eigentlich - das muß ich offen zugeben - erstaunen mich Leute wie Sie immer. Denn schon bei flüchtigem Hinsehen erscheinen Sie mir im Grunde - wie viele andere selbsternannte “Experten” auf einem meist recht beliebigen Gebiet auch - nur als ein armes Würstchen, das mit artig formulierten und an den politisch korrekten Mainstream angepaßten Äußerungen um Medienaufmerksamkeit buhlt. Das, was Sie glauben sagen zu müssen, enthält wenig Mehrwert oder gar Aufsehenerregendes. Man könnte es auch langweilig nennen. Es reizt kaum zu einer spannenden Diskussion oder kontroversen Auseinandersetzung. Es verleitet eigentlich nur zum Weiterklicken.
Leute wie Sie polarisieren gern - wie Verschwörungstheoretiker auch. Man muß immer für oder gegen etwas sein, sich “positionieren”, einen “Standpunkt” auf der einen oder anderen Seite einnehmen, dazwischen scheint es überhaupt nichts zu geben. In Ihrem Blog führen Sie ein paar dürftige Quellen aus dem Internet an - wie viele Verschwörungstheoretiker auch - und wollen das allen Ernstes als “harte Fakten” verkaufen. Sie nehmen eine möglicherweise absurde Theorie wie die gefakte Mondlandung und benutzen diese, um mittlerweile historisch gut dokumentierte Fakten, z.B. zu Pearl Harbor, zu diskreditieren. Das ist nicht weniger unredlich als die Kunstgriffe mancher Verschwörungstheoretiker. Sie können kaum mit eigenen Recherchen aufwarten, sondern beten das nach, was dutzendfach schon woanders nachgelesen werden kann. In Guttenberg-Zeiten ist auch das nichts Neues. Sie versuchen, DIE “Verschwörungstheoretiker” als homogene Menge von Menschen mit im Grunde den gleichen fragwürdigen Ansichten darzustellen, obwohl das natürlich jedweder Grundlage entbehrt. Sie sind nicht so blöd, das nicht verstehen zu können und trotzdem gehen Sie genau auf diese Art und Weise vor. Sie picken sich das raus was sie brauchen und lassen das weg, was nicht so gut in Ihre wohlfeilen Thesen paßt - wie ein typischer Verschwörungstheoretiker das auch tut. Sie benutzen sozial anerkannte Suggestivbegriffe wie “Wissenschaftler kontern jetzt …” als Stütze Ihrer eigenen unbewiesenen Behauptungen, wohlwissend, daß Wissenschaftler auch nur Menschen sind, die von der Geschichte nicht selten als angepaßte Staatsdiener, Opportunisten und Lügner entlarvt wurden. All das ist zutiefst unseriös, aber selbstverständlich wollen Sie publizieren und sich einen Namen machen und Geld verdienen - wie viele andere vor, nach und mit Ihnen.
Doch die Welt ist zu komplex für Ihr einfaches Gemüt, Herr Jaecker, und sie läßt sich leider nicht auf schwarz und weiß, auf gute Semiten (ein Begriff, den Sie auch nicht verstehen) und böse Antisemiten, auf gute Amerikaner und böse Antiamerikaner, auf gute Wissenschaftler und böse Verschwörungstheoretiker reduzieren. Sie erwecken tatsächlich den Eindruck, als würden Sie an Politiker glauben, die immer und überall und selbstlos zum Wohle der Menschheit tätig sind, an Geheimdienste, die so ähnlich wie die Heilsarmee nur für das Gemeinwohl (und für das Vaterland sowieso) agieren, an objektive Historiker, an das Christkind und den Weihnachtsmann gleichzeitig und an ein Dutzend andere absurde Dinge. Sie glauben an all das, so wie die von Ihnen verachteten und bekämpften Verschwörungstheoretiker an ihre Theorien glauben. Ich kann beim besten Willen keinen Unterschied erkennen.
Selbstredend kann ich Sie von alldem nicht überzeugen - wie Verschwörungstheoretiker auch nicht zu überzeugen sind (wenigstens in dieser Hinsicht muß ich Ihnen Recht geben), also lassen wir das. Und so streiche ich Sie jetzt kurzerhand einfach wieder aus meinem Gedächtnis (was kein Verlust ist) und wende mich wieder den wichtigen Dingen im Leben zu. Adieu!
