Im Aufsatz “Baal - eine mythologisch-kabbalistische Reminiszenz” (enthalten in meinem Buch “Schlange und Messias”) vertrete ich die These, daß der kanaanitische Fruchtbarkeitsgott Baal bereits im Alten Europa als Baldr (bei den nordischen Völkern), Balder bzw. Phol (bei den Germanen), Bel (bei den Kelten) oder Belobog bzw. Bilo (bei den Balten und Slawen) bekannt war und dort im Grunde den gleichen mythologischen Platz einnahm. Wie man an Balders Attributen leicht feststellen kann, war er zudem der weit verbreitete und beliebte Weiße Gott, der Witte (Weiße), der Gott des germanischen Witlands, der nach der Christianisierung als Heiliger Vitus weiter die alte Verehrung genoß.[1] Wie an vielen Stellen berichtet, sah man einen Weißen Stier als Baals göttliches Ebenbild auf Erden an. (more…)
Eine mythologische Kaperfahrt auf den Spuren der feurigen Kunst
© 2004 by Frank Cebulla
„Das Feuer aber entzieht sich jeder Teilung.“
Boethius[1]
ERSTER AKT
in dem wir den sicheren Hafen verlassen, um Freibeuter auf dem Meere der Mythen zu werden, wenig betrübt durch die klagenden Gebärden der Daheimgebliebenen
Dieses Universum ist angefüllt mit Göttinnen und Göttern. Ihre Vielzahl spottet jeder Beschreibung; ihre Namen sind Legion; ihre Symbole, Attribute und Eigenschaften so dicht und reich wie die Flora des Dschungels. Seitdem der Mensch über das Wesen der Götter nachsinnt, hat sich dieses Wesen in ein spektrales, facettenreiches Alles-und-Nichts verwandelt – derjenige, der die Begriffe ‚Gott‘ und ‚Göttin‘ in den Mund nimmt, kaut nicht selten darauf herum wie auf einem alten, zähen Priem, versäumt dabei aber regelmäßig hinzuzusetzen, was er denn eigentlich darunter versteht. So glauben denn die meisten von der gleichen Sache zu reden und meinen doch gänzlich Unterschiedenes, meistens ein Konglomerat aus Historie, religiöser Literatur und ein wenig Philosophie – ganz nach dem jeweiligen Zeitgeschmack. (more…)
oder die vergessenen Wurzeln unserer eigenen Kultur
© 1997 by Frank Cebulla
Im altbekannten Märchen “Der Froschkönig” läßt eine unachtsame Königstochter den geliebtesten Gegenstand ihres Herzens, eine goldene Kugel, in einen Brunnen fallen. In diesem wie auch vielen anderen Märchen steht der Brunnen für das Unbewußte, das tiefe Dunkel der Seele, das verborgene Wissen, das Verlorengehen und Vergessen. Viel Mühe, Überwindung und Mut ist erforderlich, um etwas aus einem Brunnen wieder ans Tageslicht zu fördern.
In Deutschland ist ein ganzes Volk seit mittlerweile fast zweitausend Jahren in einen gigantischen Brunnen gefallen und hat es nicht einmal gemerkt! Behäbig, faul und gelähmt schlafen wir in einem vorgesetzten Sumpf aus Monotheismus, Gehorsam, Unfreiheit und Schuld. Kein anderes Volk Europas leidet so stark am Vergessen der eigenen vorgeschichtlichen, mythologischen und religiösen Wurzeln. Diese Aussage ist bewußt kritisch formuliert. Einige Erlebnisse und Lektüre der letzten Zeit haben mich bewogen, diesen Artikel zu schreiben. Ich werde darin versuchen, meine These zu erklären und einige Erinnerungsanstöße an unseren “tatsächlichen” Ursprung zu geben. (more…)
Die seltsame Realität der Toten Namen
© 1997 by Frank Cebulla
“Türen, die geheimnisvollerweise mal offen und dann wieder geschlossen vorgefunden werden - erwecken Schauder.”
[aus dem Notizbuch von H. P. Lovecraft (1919) in: H. P. Lovecraft; Azathoth. Vermischte Schriften; Suhrkamp 1989, S. 277]
Die Menschheit hat sich seit urältesten Zeiten mit ihren Göttern befaßt. Man begründete Kulte, betete sie an und opferte ihnen, schuf Abbilder und Idole, errichtete Tempel und hielt Rituale ab. Man fürchtete sie und pries ihre Güte, beschwor und invozierte sie und zögerte niemals, um ihretwillen Kriege zu führen und Menschenleben geringzuschätzen. Bisweilen verfluchte man sie auch. (more…)