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Equinox

EQUINOX ist die englische Schreibweise des lateinischen Äquinoktium (wörtlich “gleiche Nacht[länge]”).

Traditionell wird dieser Begriff für die Tagundnachtgleiche im Frühjahr (Frühjahrsäquinoktium) und im Herbst (Herbstäquinoktium) verwendet. Es sind klassische Wendepunkte im Jahreslauf. Licht und Dunkelheit halten sich nur an diesen zwei Zeitpunkten die Waage und gewinnen nach dem Äquinoktium jeweils wieder die Oberhand. Deshalb wird Equinox sprachlich manchmal als Umschreibung für Wendepunkt oder Neuanfang verwendet.

Im esoterischen Sprachgebrauch ist Equinox eine häufig gebrauchte Bezeichnung für die allgemein postulierte, aber meist nicht hinterfragte Wende der astrologischen Zeitalter geworden.
Unhinterfragt deswegen, weil in der esoterischen Literatur teilweise recht abstruse Begründungen für die angenommenen Äonenwechsel angeführt werden. Z.B. folgende: nicht nur die Erde bewegt sich um die Sonne, sondern auch die Sonne mit dem gesamten Sonnensystem innerhalb der Galaxis. Sonne und Sonnensystem verfolgen eine Bahn um einen zentralen Punkt, der auch als “schwarze Sonne” bezeichnet wird. Dadurch soll es zur Verschiebung des Frühlingsequinox im Tierkreis kommen, der tatsächlich jedes Jahr um 20 Minuten (Bogen-, nicht Zeitmaß!) rückläufig ist. Obwohl die Idee der zentralen “schwarzen Sonne” sehr interessant ist und möglicherweise sogar realen Gegebenheiten entspricht, kann sie nicht die Ursache für das geschilderte Phänomen sein. Die Ursache für die rückläufige Verschiebung des Frühlingsequinox durch den Tierkreis liegt astronomisch in der seit langer Zeit bekannten sogenannten Präzession. Durch die Wirkung der Gravitationskräfte von Sonne und Mond auf die Rotationsachse der Erde beschreibt diese eine Art trudelnde Bewegung, so daß der geographische Nordpol (und damit der Himmelsnordpol) einen Kreis am Himmel beschreibt. In 2160 Jahren (dem sogenannten Platonischen Jahr) durchschreitet dabei der Punkt des Frühlingsequinox ein Tierkreiszeichen.

Gegenwärtig befinden wir uns im Übergang vom Zeichen Fische in das des Wassermanns, womit klar sein dürfte, warum in der esoterischen Literatur so oft vom Wassermann-Zeitalter die Rede ist! Dabei gilt es als esoterische Binsenweisheit, daß Wesen und Charakter eines Zeitalters (also eines Durchlaufs durch ein Tierkreiszeichen) dem “absolvierten” Tierkreiszeichen entspricht.
Warum das so sein soll, wird jedoch von niemandem nachvollziehbar begründet. Es ist schon klar, daß solche gigantischen astronomischen Abläufe auch auf der Erde und damit in uns allen Kräfte freisetzen, verändern oder erfordern! Wie, auf welche Weise, was genau und warum in diesem Zusammenhang hier auf der Erde etwas geschieht, bleibt jedoch eine offene Frage, der man sich nur behutsam und ohne Dogmatismus nähern kann! Ich selbst war lange Jahre ein ausgesprochener Sympathisant der Idee eines Neuen Äons, doch je länger und intensiver ich mich mit der Materie befaßte, desto zweifelhafter kamen mir all die gut klingenden Argumente von Esoterikern, New-Age-Fans, Thelemiten u.a. Aposteln des Wassermann-Zeitalters vor.

Schon allein das Denken in chronologischen Kategorien bringt etliche Schwierigkeiten und Paradoxa mit sich; man muß dazu nur einen Blick in die Ergebnisse der modernen quantenphysikalischen Forschung werfen. Die Quantenmechanik (im Grunde genommen jedoch auch jede alte Geheimwissenschaft) lehrt uns, daß Zeit nichts weiter als eine Dimension und damit relativ ist. Wenn wir uns also aus der Chronos-Dimension herausbewegen, was würde das für die Abfolge der Zeitalter bedeuten?

Cover von The EquinoxEiner der bemerkenswertesten Freigeister und Okkultisten des 20. Jahrhunderts, Aleister Crowley, lieferte durch ein persönliches mystisches Erlebnis 1904 in Kairo (zusammen mit seiner Frau Rose Kelly) mit dem ebenso bemerkenswerten “Buch des Gesetzes” (Liber Al vel Legis) eine Initiationsschrift, die er selbst und viele seiner Schüler, Apologeten und Epigonen für die Bibel des Neuen Äons hielten. Crowley sprach nach diesem merkwürdigen Ereignis vom “Equinox of The Gods”, dem Equinox der Götter, erklärte die Götter des Alten Zeitalters (des Zeichens der Fische) für tot und die ägyptischen Götter Nuit, Hadit und Ra-Hoor-Kuit zu Herrschern des Neuen Äons.
Crowley gab auch eine Werkreihe heraus, die noch heute ihresgleichen unter esoterischen Monographien sucht, und nannte sie “The Equinox”. Diese Sammlung beinhaltet eine Fülle von philosophischen, kabbalistischen, magischen und esoterischen Aufsätzen und ist auch teilweise ins Deutsche übertragen worden.

Unabhängig von dieser in modernen esoterischen Kreisen so populären Erwartungshaltung an ein neues Zeitalter, das am besten schon morgen beginnen soll, liegt im Gleichgewicht zwischen Hell und Dunkel, Tag und Nacht, wie es für den Equinox typisch ist, eine gewisse Faszination und philosophische Tiefe, die nicht zuletzt auch diese Website beflügelt und inspiriert hat. Esoterische Heilslehren neigen genauso wie anerkannte Religionen gewöhnlich zu einer Überbetonung der “lichten” Seite der Existenz. Da aber unser menschliches Bewußtsein offenbar grundlegend dualistisch aufgebaut ist und in dualen Kategorien gelernt hat zu denken, führt(e) diese Überbetonung im Ausgleich zu einem gewaltigen, destruktiven Schatten auf der anderen Seite, dessen Verdrängung Gewalt und Unterdrückung in einem unvorstellbaren Ausmaß produzierte. Die Geschichte des Christentums als Religion der “Nächstenliebe” mit ihrer unablässigen Folge von Eroberung, Kriegen, Mord, Völkermord, Inquisition, Folter, Lügen, Habgier und Haß ist das beste Beispiel für diesen Mechanismus. Die Leute mit den zur Schau gestellten weißen Westen sind meistens die Gefährlichsten …
Bewußtseinserweiterung muß sich daher dem Schatten, der Dunkelheit und ihren uns meistens unbekannten Bewohnern genauso widmen wie dem Licht. Darüber hinaus lohnt es sich immer, das Symbol des Equinox als Aufforderung zu begreifen, strenge Dualismen zu transzendieren und sich bewußt zu machen, daß es nie nur zwei Seiten einer Sache gibt, sondern immer ein ganzes Spektrum von Eigenschaften. Alles im Universum hängt mit allem anderen im Universum zusammen und zwar jetzt, hier und unmittelbar. Erleuchtung ist vielleicht die für einen kurzen Augenblick erlangte Fähigkeit, das typisch menschliche Schwarz-Weiß-Denken hinter sich zu lassen und die ganze Komplexität der Realität und der eigenen Existenz auf einmal wahrzunehmen.

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